Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Samter, Heinrich: Das Reich der Erfindungen. Berlin, 1896.

Bild:
<< vorherige Seite

Das Schreibmaterial.
besonders schnelles Schreiben, wie Stenographieren, von ungeheurer
Bedeutung ist, war die Herstellung von Bleistiften, mit denen man
ja allerdings meist nur auf kürzere Zeit lesbare, leicht vergängliche
Schrift hervorrufen kann. Anfänge dieser Industrie finden wir schon
im 14. Jahrhundert, aber der wirkliche Bleistift wurde zuerst im
16. Jahrhundert fabriziert, als man in Cumberland in England den
Graphit entdeckt hatte. Man verfährt in dreifacher Weise bei der Her-
stellung von Bleistiften. Entweder schneidet man die in unseren Bleien
enthaltenen Stäbchen direkt aus der Graphitmasse heraus oder man
formt die Abfallstoffe dieses Gesteins zu solchen Stäbchen um oder
man setzt zu dem Graphitpulver einen Teil Thon hinzu, wodurch die
Güte des Bleies erheblich gewinnt. Letztere Erfindung ist von dem
Franzosen Conte im Jahre 1795 gemacht. Keinen großen Eingang
haben die ziemlich neuen Kopier-Bleistifte gefunden, die durch einen
Zusatz von Anilin die besondere Eigenschaft gewinnen, auf trockenem
Papier unausradierbar zu sein, bei Befeuchtung dagegen die Abnahme
von Kopien zu ermöglichen.

Interessant dürften wohl einige statistische Angaben über die Blei-
stiftfabrikation sein, die, besonders in Bayern von der Regierung
kräftigst unterstützt, einen großen Aufschwung genommen hat. In
Nürnberg, wo auch der Bleistiftkönig A. W. Faber ansässig ist, zählte
man im Jahre 1888 schon 25 größere und kleinere Fabriken, die zu-
sammen 5500 Arbeiter beschäftigten und jährlich 250 Millionen Blei-
stifte lieferten. Diese Menge repräsentiert einen Wert von 8 Millionen
Mark.

b) Die Buchdruckerkunst.
1. Die Erfindung der Buchdruckerkunst.

Eine der größten Erfindungen, die überhaupt menschlicher Geist
erdacht hat, muß man die Erfindung der Buchdruckerkunst nennen.
Der Sprung von der handschriftlichen Vervielfältigung von Schrift-
zeichen zu ihrer mechanischen Vervielfältigung ist fast ein ebenso
großer, wie der vom rein mündlichen Gebrauch der Sprache zur Er-
findung der Schrift. Wunderbar ist es vor allem, in welcher relativen
Vollkommenheit diese Erfindung im 15. Jahrhundert das Licht der
Welt erblickte, wie armselige und das Wesen der Sache kaum streifende
Vorläufer mechanischer Vervielfältigung von Schriftstücken oder Kunst-
werken sie hatte. Ist es nicht kaum begreiflich, daß so manche der
erst in diesem Jahrhundert erfundenen Methoden zur beschränkten
Vervielfältigung von Schriftstücken, z. B. die Hektographie und ähn-
liche Künste nicht früher erfunden, nicht der großen, welterlösenden
That der Erfindung der Buchdruckerkunst vorausgegangen sind? Doch
die Weltgeschichte geht ihre eigenen Wege, und der menschliche Genius
überspringt oft in einzelnen Geistern und in einzelnen Geschehnissen

Das Buch der Erfindungen. 60

Das Schreibmaterial.
beſonders ſchnelles Schreiben, wie Stenographieren, von ungeheurer
Bedeutung iſt, war die Herſtellung von Bleiſtiften, mit denen man
ja allerdings meiſt nur auf kürzere Zeit lesbare, leicht vergängliche
Schrift hervorrufen kann. Anfänge dieſer Induſtrie finden wir ſchon
im 14. Jahrhundert, aber der wirkliche Bleiſtift wurde zuerſt im
16. Jahrhundert fabriziert, als man in Cumberland in England den
Graphit entdeckt hatte. Man verfährt in dreifacher Weiſe bei der Her-
ſtellung von Bleiſtiften. Entweder ſchneidet man die in unſeren Bleien
enthaltenen Stäbchen direkt aus der Graphitmaſſe heraus oder man
formt die Abfallſtoffe dieſes Geſteins zu ſolchen Stäbchen um oder
man ſetzt zu dem Graphitpulver einen Teil Thon hinzu, wodurch die
Güte des Bleies erheblich gewinnt. Letztere Erfindung iſt von dem
Franzoſen Conté im Jahre 1795 gemacht. Keinen großen Eingang
haben die ziemlich neuen Kopier-Bleiſtifte gefunden, die durch einen
Zuſatz von Anilin die beſondere Eigenſchaft gewinnen, auf trockenem
Papier unausradierbar zu ſein, bei Befeuchtung dagegen die Abnahme
von Kopien zu ermöglichen.

Intereſſant dürften wohl einige ſtatiſtiſche Angaben über die Blei-
ſtiftfabrikation ſein, die, beſonders in Bayern von der Regierung
kräftigſt unterſtützt, einen großen Aufſchwung genommen hat. In
Nürnberg, wo auch der Bleiſtiftkönig A. W. Faber anſäſſig iſt, zählte
man im Jahre 1888 ſchon 25 größere und kleinere Fabriken, die zu-
ſammen 5500 Arbeiter beſchäftigten und jährlich 250 Millionen Blei-
ſtifte lieferten. Dieſe Menge repräſentiert einen Wert von 8 Millionen
Mark.

b) Die Buchdruckerkunſt.
1. Die Erfindung der Buchdruckerkunſt.

Eine der größten Erfindungen, die überhaupt menſchlicher Geiſt
erdacht hat, muß man die Erfindung der Buchdruckerkunſt nennen.
Der Sprung von der handſchriftlichen Vervielfältigung von Schrift-
zeichen zu ihrer mechaniſchen Vervielfältigung iſt faſt ein ebenſo
großer, wie der vom rein mündlichen Gebrauch der Sprache zur Er-
findung der Schrift. Wunderbar iſt es vor allem, in welcher relativen
Vollkommenheit dieſe Erfindung im 15. Jahrhundert das Licht der
Welt erblickte, wie armſelige und das Weſen der Sache kaum ſtreifende
Vorläufer mechaniſcher Vervielfältigung von Schriftſtücken oder Kunſt-
werken ſie hatte. Iſt es nicht kaum begreiflich, daß ſo manche der
erſt in dieſem Jahrhundert erfundenen Methoden zur beſchränkten
Vervielfältigung von Schriftſtücken, z. B. die Hektographie und ähn-
liche Künſte nicht früher erfunden, nicht der großen, welterlöſenden
That der Erfindung der Buchdruckerkunſt vorausgegangen ſind? Doch
die Weltgeſchichte geht ihre eigenen Wege, und der menſchliche Genius
überſpringt oft in einzelnen Geiſtern und in einzelnen Geſchehniſſen

Das Buch der Erfindungen. 60
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <div n="4">
              <p><pb facs="#f0963" n="945"/><fw place="top" type="header">Das Schreibmaterial.</fw><lb/>
be&#x017F;onders &#x017F;chnelles Schreiben, wie Stenographieren, von ungeheurer<lb/>
Bedeutung i&#x017F;t, war die Her&#x017F;tellung von <hi rendition="#g">Blei&#x017F;tiften</hi>, mit denen man<lb/>
ja allerdings mei&#x017F;t nur auf kürzere Zeit lesbare, leicht vergängliche<lb/>
Schrift hervorrufen kann. Anfänge die&#x017F;er Indu&#x017F;trie finden wir &#x017F;chon<lb/>
im 14. Jahrhundert, aber der wirkliche Blei&#x017F;tift wurde zuer&#x017F;t im<lb/>
16. Jahrhundert fabriziert, als man in Cumberland in England den<lb/>
Graphit entdeckt hatte. Man verfährt in dreifacher Wei&#x017F;e bei der Her-<lb/>
&#x017F;tellung von Blei&#x017F;tiften. Entweder &#x017F;chneidet man die in un&#x017F;eren Bleien<lb/>
enthaltenen Stäbchen direkt aus der Graphitma&#x017F;&#x017F;e heraus oder man<lb/>
formt die Abfall&#x017F;toffe die&#x017F;es Ge&#x017F;teins zu &#x017F;olchen Stäbchen um oder<lb/>
man &#x017F;etzt zu dem Graphitpulver einen Teil Thon hinzu, wodurch die<lb/>
Güte des Bleies erheblich gewinnt. Letztere Erfindung i&#x017F;t von dem<lb/>
Franzo&#x017F;en Cont<hi rendition="#aq">é</hi> im Jahre 1795 gemacht. Keinen großen Eingang<lb/>
haben die ziemlich neuen Kopier-Blei&#x017F;tifte gefunden, die durch einen<lb/>
Zu&#x017F;atz von Anilin die be&#x017F;ondere Eigen&#x017F;chaft gewinnen, auf trockenem<lb/>
Papier unausradierbar zu &#x017F;ein, bei Befeuchtung dagegen die Abnahme<lb/>
von Kopien zu ermöglichen.</p><lb/>
              <p>Intere&#x017F;&#x017F;ant dürften wohl einige &#x017F;tati&#x017F;ti&#x017F;che Angaben über die Blei-<lb/>
&#x017F;tiftfabrikation &#x017F;ein, die, be&#x017F;onders in Bayern von der Regierung<lb/>
kräftig&#x017F;t unter&#x017F;tützt, einen großen Auf&#x017F;chwung genommen hat. In<lb/>
Nürnberg, wo auch der Blei&#x017F;tiftkönig A. W. Faber an&#x017F;ä&#x017F;&#x017F;ig i&#x017F;t, zählte<lb/>
man im Jahre 1888 &#x017F;chon 25 größere und kleinere Fabriken, die zu-<lb/>
&#x017F;ammen 5500 Arbeiter be&#x017F;chäftigten und jährlich 250 Millionen Blei-<lb/>
&#x017F;tifte lieferten. Die&#x017F;e Menge reprä&#x017F;entiert einen Wert von 8 Millionen<lb/>
Mark.</p>
            </div>
          </div><lb/>
          <div n="3">
            <head> <hi rendition="#b"><hi rendition="#aq">b)</hi> Die Buchdruckerkun&#x017F;t.</hi> </head><lb/>
            <div n="4">
              <head> <hi rendition="#b">1. Die Erfindung der Buchdruckerkun&#x017F;t.</hi> </head><lb/>
              <p>Eine der größten Erfindungen, die überhaupt men&#x017F;chlicher Gei&#x017F;t<lb/>
erdacht hat, muß man die Erfindung der Buchdruckerkun&#x017F;t nennen.<lb/>
Der Sprung von der hand&#x017F;chriftlichen Vervielfältigung von Schrift-<lb/>
zeichen zu ihrer mechani&#x017F;chen Vervielfältigung i&#x017F;t fa&#x017F;t ein eben&#x017F;o<lb/>
großer, wie der vom rein mündlichen Gebrauch der Sprache zur Er-<lb/>
findung der Schrift. Wunderbar i&#x017F;t es vor allem, in welcher relativen<lb/>
Vollkommenheit die&#x017F;e Erfindung im 15. Jahrhundert das Licht der<lb/>
Welt erblickte, wie arm&#x017F;elige und das We&#x017F;en der Sache kaum &#x017F;treifende<lb/>
Vorläufer mechani&#x017F;cher Vervielfältigung von Schrift&#x017F;tücken oder Kun&#x017F;t-<lb/>
werken &#x017F;ie hatte. I&#x017F;t es nicht kaum begreiflich, daß &#x017F;o manche der<lb/>
er&#x017F;t in die&#x017F;em Jahrhundert erfundenen Methoden zur be&#x017F;chränkten<lb/>
Vervielfältigung von Schrift&#x017F;tücken, z. B. die Hektographie und ähn-<lb/>
liche Kün&#x017F;te nicht früher erfunden, nicht der großen, welterlö&#x017F;enden<lb/>
That der Erfindung der Buchdruckerkun&#x017F;t vorausgegangen &#x017F;ind? Doch<lb/>
die Weltge&#x017F;chichte geht ihre eigenen Wege, und der men&#x017F;chliche Genius<lb/>
über&#x017F;pringt oft in einzelnen Gei&#x017F;tern und in einzelnen Ge&#x017F;chehni&#x017F;&#x017F;en<lb/>
<fw place="bottom" type="sig">Das Buch der Erfindungen. 60</fw><lb/></p>
            </div>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[945/0963] Das Schreibmaterial. beſonders ſchnelles Schreiben, wie Stenographieren, von ungeheurer Bedeutung iſt, war die Herſtellung von Bleiſtiften, mit denen man ja allerdings meiſt nur auf kürzere Zeit lesbare, leicht vergängliche Schrift hervorrufen kann. Anfänge dieſer Induſtrie finden wir ſchon im 14. Jahrhundert, aber der wirkliche Bleiſtift wurde zuerſt im 16. Jahrhundert fabriziert, als man in Cumberland in England den Graphit entdeckt hatte. Man verfährt in dreifacher Weiſe bei der Her- ſtellung von Bleiſtiften. Entweder ſchneidet man die in unſeren Bleien enthaltenen Stäbchen direkt aus der Graphitmaſſe heraus oder man formt die Abfallſtoffe dieſes Geſteins zu ſolchen Stäbchen um oder man ſetzt zu dem Graphitpulver einen Teil Thon hinzu, wodurch die Güte des Bleies erheblich gewinnt. Letztere Erfindung iſt von dem Franzoſen Conté im Jahre 1795 gemacht. Keinen großen Eingang haben die ziemlich neuen Kopier-Bleiſtifte gefunden, die durch einen Zuſatz von Anilin die beſondere Eigenſchaft gewinnen, auf trockenem Papier unausradierbar zu ſein, bei Befeuchtung dagegen die Abnahme von Kopien zu ermöglichen. Intereſſant dürften wohl einige ſtatiſtiſche Angaben über die Blei- ſtiftfabrikation ſein, die, beſonders in Bayern von der Regierung kräftigſt unterſtützt, einen großen Aufſchwung genommen hat. In Nürnberg, wo auch der Bleiſtiftkönig A. W. Faber anſäſſig iſt, zählte man im Jahre 1888 ſchon 25 größere und kleinere Fabriken, die zu- ſammen 5500 Arbeiter beſchäftigten und jährlich 250 Millionen Blei- ſtifte lieferten. Dieſe Menge repräſentiert einen Wert von 8 Millionen Mark. b) Die Buchdruckerkunſt. 1. Die Erfindung der Buchdruckerkunſt. Eine der größten Erfindungen, die überhaupt menſchlicher Geiſt erdacht hat, muß man die Erfindung der Buchdruckerkunſt nennen. Der Sprung von der handſchriftlichen Vervielfältigung von Schrift- zeichen zu ihrer mechaniſchen Vervielfältigung iſt faſt ein ebenſo großer, wie der vom rein mündlichen Gebrauch der Sprache zur Er- findung der Schrift. Wunderbar iſt es vor allem, in welcher relativen Vollkommenheit dieſe Erfindung im 15. Jahrhundert das Licht der Welt erblickte, wie armſelige und das Weſen der Sache kaum ſtreifende Vorläufer mechaniſcher Vervielfältigung von Schriftſtücken oder Kunſt- werken ſie hatte. Iſt es nicht kaum begreiflich, daß ſo manche der erſt in dieſem Jahrhundert erfundenen Methoden zur beſchränkten Vervielfältigung von Schriftſtücken, z. B. die Hektographie und ähn- liche Künſte nicht früher erfunden, nicht der großen, welterlöſenden That der Erfindung der Buchdruckerkunſt vorausgegangen ſind? Doch die Weltgeſchichte geht ihre eigenen Wege, und der menſchliche Genius überſpringt oft in einzelnen Geiſtern und in einzelnen Geſchehniſſen Das Buch der Erfindungen. 60

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/samter_erfindungen_1896
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/samter_erfindungen_1896/963
Zitationshilfe: Samter, Heinrich: Das Reich der Erfindungen. Berlin, 1896, S. 945. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/samter_erfindungen_1896/963>, abgerufen am 18.05.2022.