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Scheuchzer, Johann Jacob: Beschreibung Der Natur-Geschichten Des Schweitzerlands. Bd. 3. Zürich, 1708.

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N. 26.)

Schweizerische
Berg-Reisen.


WJr bemerken hier/ wie so wenig genaues von dem Ursprung eines
so gewaltigen Flüsses gewußt die alten Natur- und Erdbeschreibere.
Plinius Hist. Nat. Lib. III. cap. 4. sagt einfaltig/ er fliesse her von den
Alpen/ und zeuhe sich hernach durch den Genffer-See/ Rhodanum ex Alpibus
se rapere per Lemanum Lacum. Strabo
schreibt um etwas genauer/ das der
Rhodan entspringe supra Antuates, & Veragros, ob denen Uchtländeren/ und
Oberwall[i]sseren/ ohnweit den Quellen des Rheins/ und dem Berg Adula.
Polybius
eignet der Rhosne drey Quellen zu/ ob dem Adriatischen Meer/ supra
Maris Adriatici intimum sinum. Pomponius Mela
setzet den Ursprung dises
Flusses nicht weit von dem Jster/ und Rhein. Es ist anbey klar/ wie so weit von
der Warheit abstehen nit nur Mela, welcher den Jster/ und Rhodan/ als zwey
Nachbaren zusamen setzet/ (da jener/ heut die Donau genennet/ entspringet/
nach gemeiner sag/ bey Donesching/ besser aber in höheren Schwartzwaldi-
schen Gebirgen) sondern auch Ammianus/ welcher den Rhodan ableitet von
den Poeninis Alpibus, oder grossen S. Bernhards-Berg/ deme auch bey-
stimmet der sonst hochgelehrte St. Gallische Burgermeister Joachimus Va-
dianus:
so auch Paulus Jovius, welche alle widerleget Simler. de Vales p. 10.
Unter den Alten hat bald keiner den Rhodan in seinem Ursprung so eigent-
lich beschrieben/ wie Silius Italicus

Aggeribus caput alpinis, & rupe nivali

Prosilit in Celtas, ingentemque extrahit Amnem

Spumanti Rhodanus proscindens gurgite campos

Am nächsten aber stimmet mit der Wahrheit/ und unserem selbs genom-
menen Augenschein/ überein Sebastianus Münsterus, und Joh. Stumpsius,
welcher Lib. XI. cap. 4. folgenden Bericht ertheilt. Jn dem Berg Fur-
cka/ auf der Seitengegen Nidergang entspringt der Rhodan:
sein Ursprung wird genannt der Roddanbrunn/
Fons Rhodani,
der entpfangt doch sein Wasser nicht nur aus Natürlichen
Brunnenquellen/ sonder vilmehr aus dem stäten Firn und
Glettscher des Gebirgs/ welcher so er nimmer gar verschmilzt/
oder abgehet/ stätig Wasser gibt.
Es ist auch uns diser Roddan-

brunn/
N. 26.)

Schweizeriſche
Berg-Reiſen.


WJr bemerken hier/ wie ſo wenig genaues von dem Urſprung eines
ſo gewaltigen Fluͤſſes gewußt die alten Natur- und Erdbeſchreibere.
Plinius Hiſt. Nat. Lib. III. cap. 4. ſagt einfaltig/ er flieſſe her von den
Alpen/ und zeuhe ſich hernach durch den Genffer-See/ Rhodanum ex Alpibus
ſe rapere per Lemanum Lacum. Strabo
ſchreibt um etwas genauer/ das der
Rhodan entſpringe ſupra Antuates, & Veragros, ob denen Uchtlaͤnderen/ und
Oberwall[i]ſſeren/ ohnweit den Quellen des Rheins/ und dem Berg Adula.
Polybius
eignet der Rhoſne drey Quellen zu/ ob dem Adriatiſchen Meer/ ſupra
Maris Adriatici intimum ſinum. Pomponius Mela
ſetzet den Urſprung diſes
Fluſſes nicht weit von dem Jſter/ und Rhein. Es iſt anbey klar/ wie ſo weit von
der Warheit abſtehen nit nur Mela, welcher den Jſter/ und Rhodan/ als zwey
Nachbaren zuſamen ſetzet/ (da jener/ heut die Donau genennet/ entſpringet/
nach gemeiner ſag/ bey Doneſching/ beſſer aber in hoͤheren Schwartzwaldi-
ſchen Gebirgen) ſondern auch Ammianus/ welcher den Rhodan ableitet von
den Pœninis Alpibus, oder groſſen S. Bernhards-Berg/ deme auch bey-
ſtimmet der ſonſt hochgelehrte St. Galliſche Burgermeiſter Joachimus Va-
dianus:
ſo auch Paulus Jovius, welche alle widerleget Simler. de Vales p. 10.
Unter den Alten hat bald keiner den Rhodan in ſeinem Urſprung ſo eigent-
lich beſchrieben/ wie Silius Italicus

Aggeribus caput alpinis, & rupe nivali

Proſilit in Celtas, ingentemque extrahit Amnem

Spumanti Rhodanus proſcindens gurgite campos

Am naͤchſten aber ſtimmet mit der Wahrheit/ und unſerem ſelbs genom-
menen Augenſchein/ überein Sebaſtianus Münſterus, und Joh. Stumpſius,
welcher Lib. XI. cap. 4. folgenden Bericht ertheilt. Jn dem Berg Fur-
cka/ auf der Seitengegen Nidergang entſpringt der Rhodan:
ſein Urſprung wird genannt der Roddanbrunn/
Fons Rhodani,
der entpfangt doch ſein Waſſer nicht nur aus Natürlichen
Brunnenquellen/ ſonder vilmehr aus dem ſtaͤten Firn und
Glettſcher des Gebirgs/ welcher ſo er nimmer gar verſchmilzt/
oder abgehet/ ſtaͤtig Waſſer gibt.
Es iſt auch uns diſer Roddan-

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[101/0129] N. 26.) (Den 29. Jun. 1707. Schweizeriſche Berg-Reiſen. WJr bemerken hier/ wie ſo wenig genaues von dem Urſprung eines ſo gewaltigen Fluͤſſes gewußt die alten Natur- und Erdbeſchreibere. Plinius Hiſt. Nat. Lib. III. cap. 4. ſagt einfaltig/ er flieſſe her von den Alpen/ und zeuhe ſich hernach durch den Genffer-See/ Rhodanum ex Alpibus ſe rapere per Lemanum Lacum. Strabo ſchreibt um etwas genauer/ das der Rhodan entſpringe ſupra Antuates, & Veragros, ob denen Uchtlaͤnderen/ und Oberwalliſſeren/ ohnweit den Quellen des Rheins/ und dem Berg Adula. Polybius eignet der Rhoſne drey Quellen zu/ ob dem Adriatiſchen Meer/ ſupra Maris Adriatici intimum ſinum. Pomponius Mela ſetzet den Urſprung diſes Fluſſes nicht weit von dem Jſter/ und Rhein. Es iſt anbey klar/ wie ſo weit von der Warheit abſtehen nit nur Mela, welcher den Jſter/ und Rhodan/ als zwey Nachbaren zuſamen ſetzet/ (da jener/ heut die Donau genennet/ entſpringet/ nach gemeiner ſag/ bey Doneſching/ beſſer aber in hoͤheren Schwartzwaldi- ſchen Gebirgen) ſondern auch Ammianus/ welcher den Rhodan ableitet von den Pœninis Alpibus, oder groſſen S. Bernhards-Berg/ deme auch bey- ſtimmet der ſonſt hochgelehrte St. Galliſche Burgermeiſter Joachimus Va- dianus: ſo auch Paulus Jovius, welche alle widerleget Simler. de Vales p. 10. Unter den Alten hat bald keiner den Rhodan in ſeinem Urſprung ſo eigent- lich beſchrieben/ wie Silius Italicus Aggeribus caput alpinis, & rupe nivali Proſilit in Celtas, ingentemque extrahit Amnem Spumanti Rhodanus proſcindens gurgite campos Am naͤchſten aber ſtimmet mit der Wahrheit/ und unſerem ſelbs genom- menen Augenſchein/ überein Sebaſtianus Münſterus, und Joh. Stumpſius, welcher Lib. XI. cap. 4. folgenden Bericht ertheilt. Jn dem Berg Fur- cka/ auf der Seitengegen Nidergang entſpringt der Rhodan: ſein Urſprung wird genannt der Roddanbrunn/ Fons Rhodani, der entpfangt doch ſein Waſſer nicht nur aus Natürlichen Brunnenquellen/ ſonder vilmehr aus dem ſtaͤten Firn und Glettſcher des Gebirgs/ welcher ſo er nimmer gar verſchmilzt/ oder abgehet/ ſtaͤtig Waſſer gibt. Es iſt auch uns diſer Roddan- brunn/

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Zitationshilfe: Scheuchzer, Johann Jacob: Beschreibung Der Natur-Geschichten Des Schweitzerlands. Bd. 3. Zürich, 1708, S. 101. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/scheuchzer_naturgeschichten03_1708/129>, abgerufen am 22.04.2021.