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Tieck, Ludwig: William Lovell. Bd. 1. Berlin u. a., 1795.

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8.
Der alte Lovell an seinen Sohn
William.


Ich schreibe Dir, indem ich mich eben von
einer neuen Krankheit erholt habe, die nicht
ohne Gefahren war. Itzt ist mir besser, nur
leid' ich von einer Art von Schwermuth, in
welcher ich oft den trüben Gedanken nicht los
werden kann, daß ich Dich bei Deiner Abreise
zum letztenmahle gesehen habe. Ich rufe mir
dann lebhaft Dein Bild zurück und gäbe alles
hin, um Dich in einem solchen Augenblicke zu
sehn, ich bin schon oft im Begriffe gewesen,
Dir zu schreiben, daß Du in der möglichsten
Eile zurückkommen möchtest; aber nein, bleib
dort, wo Du Dich vergnügst und unterrichtest
lerne Menschen kennen und bilde Deinen Ver-
stand aus, ich will meine ganze Kraft aufbieten,
dem Tode zu trotzen, dann will ich den gelieb-
ten Sohn desto inniger an mein Herz drücken,
dann will ich mich am Anblicke seines Glückes
laben und ruhig sterben. -- Alle Freuden sind

mir
8.
Der alte Lovell an ſeinen Sohn
William.


Ich ſchreibe Dir, indem ich mich eben von
einer neuen Krankheit erholt habe, die nicht
ohne Gefahren war. Itzt iſt mir beſſer, nur
leid’ ich von einer Art von Schwermuth, in
welcher ich oft den truͤben Gedanken nicht los
werden kann, daß ich Dich bei Deiner Abreiſe
zum letztenmahle geſehen habe. Ich rufe mir
dann lebhaft Dein Bild zuruͤck und gaͤbe alles
hin, um Dich in einem ſolchen Augenblicke zu
ſehn, ich bin ſchon oft im Begriffe geweſen,
Dir zu ſchreiben, daß Du in der moͤglichſten
Eile zuruͤckkommen moͤchteſt; aber nein, bleib
dort, wo Du Dich vergnuͤgſt und unterrichteſt
lerne Menſchen kennen und bilde Deinen Ver-
ſtand aus, ich will meine ganze Kraft aufbieten,
dem Tode zu trotzen, dann will ich den gelieb-
ten Sohn deſto inniger an mein Herz druͤcken,
dann will ich mich am Anblicke ſeines Gluͤckes
laben und ruhig ſterben. — Alle Freuden ſind

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[112[110]/0120] 8. Der alte Lovell an ſeinen Sohn William. London. Ich ſchreibe Dir, indem ich mich eben von einer neuen Krankheit erholt habe, die nicht ohne Gefahren war. Itzt iſt mir beſſer, nur leid’ ich von einer Art von Schwermuth, in welcher ich oft den truͤben Gedanken nicht los werden kann, daß ich Dich bei Deiner Abreiſe zum letztenmahle geſehen habe. Ich rufe mir dann lebhaft Dein Bild zuruͤck und gaͤbe alles hin, um Dich in einem ſolchen Augenblicke zu ſehn, ich bin ſchon oft im Begriffe geweſen, Dir zu ſchreiben, daß Du in der moͤglichſten Eile zuruͤckkommen moͤchteſt; aber nein, bleib dort, wo Du Dich vergnuͤgſt und unterrichteſt lerne Menſchen kennen und bilde Deinen Ver- ſtand aus, ich will meine ganze Kraft aufbieten, dem Tode zu trotzen, dann will ich den gelieb- ten Sohn deſto inniger an mein Herz druͤcken, dann will ich mich am Anblicke ſeines Gluͤckes laben und ruhig ſterben. — Alle Freuden ſind mir

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Zitationshilfe: Tieck, Ludwig: William Lovell. Bd. 1. Berlin u. a., 1795, S. 112[110]. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/tieck_lovell01_1795/120>, abgerufen am 22.04.2021.