Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Tieck, Ludwig: Phantasus. Bd. 1. Berlin, 1812.

Bild:
<< vorherige Seite
Erste Abtheilung.
Wie froh und frisch mein Sinn sich hebt,
Zurückbleibt alles Bangen,
Die Brust mit neuem Muthe strebt,
Erwacht ein neu Verlangen.
Die Sterne spiegeln sich im Meer,
Und golden glänzt die Fluth. --
Ich rannte taumelnd hin und her,
Und war nicht schlimm, nicht gut.
Doch niedergezogen
Sind Zweifel und wankender Sinn,
O tragt mich, ihr schaukelnden Wogen,
Zur längst ersehnten Heimath hin.
In lieber dämmernder Ferne,
Dort rufen einheimische Lieder,
Aus jeglichem Sterne
Blickt sie mit sanftem Auge nieder.
Ebne dich, du treue Welle,
Führe mich auf fernen Wegen
Zu der vielgeliebten Schwelle,
Endlich meinem Glück entgegen!

Als das Morgenroth aufging, sah er das Land
nur noch wie eine unkenntliche blaue Wolke weit
hinunter liegen, und er erschrack beinah, als ihn
das allmächtige Meer und der gewölbte Himmel
so unermeßlich umgab. In der Ferne seegelte ein
Schiff auf ihn zu, und er hätte beinah geglaubt,
daß er sein ehemaliges Unglück nur von neuem
träume; aber als es näher gekommen, sah er, daß
die Schiffer Christen waren, die ihn sogleich willig
aufnahmen. Er freute sich, als er hörte, daß sie
nach Frankreich segelten.



Erſte Abtheilung.
Wie froh und friſch mein Sinn ſich hebt,
Zuruͤckbleibt alles Bangen,
Die Bruſt mit neuem Muthe ſtrebt,
Erwacht ein neu Verlangen.
Die Sterne ſpiegeln ſich im Meer,
Und golden glaͤnzt die Fluth. —
Ich rannte taumelnd hin und her,
Und war nicht ſchlimm, nicht gut.
Doch niedergezogen
Sind Zweifel und wankender Sinn,
O tragt mich, ihr ſchaukelnden Wogen,
Zur laͤngſt erſehnten Heimath hin.
In lieber daͤmmernder Ferne,
Dort rufen einheimiſche Lieder,
Aus jeglichem Sterne
Blickt ſie mit ſanftem Auge nieder.
Ebne dich, du treue Welle,
Fuͤhre mich auf fernen Wegen
Zu der vielgeliebten Schwelle,
Endlich meinem Gluͤck entgegen!

Als das Morgenroth aufging, ſah er das Land
nur noch wie eine unkenntliche blaue Wolke weit
hinunter liegen, und er erſchrack beinah, als ihn
das allmaͤchtige Meer und der gewoͤlbte Himmel
ſo unermeßlich umgab. In der Ferne ſeegelte ein
Schiff auf ihn zu, und er haͤtte beinah geglaubt,
daß er ſein ehemaliges Ungluͤck nur von neuem
traͤume; aber als es naͤher gekommen, ſah er, daß
die Schiffer Chriſten waren, die ihn ſogleich willig
aufnahmen. Er freute ſich, als er hoͤrte, daß ſie
nach Frankreich ſegelten.



<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <pb facs="#f0393" n="382"/>
            <fw place="top" type="header"><hi rendition="#g">Er&#x017F;te Abtheilung</hi>.</fw><lb/>
            <lg type="poem">
              <lg n="1">
                <l>Wie froh und fri&#x017F;ch mein Sinn &#x017F;ich hebt,</l><lb/>
                <l>Zuru&#x0364;ckbleibt alles Bangen,</l><lb/>
                <l>Die Bru&#x017F;t mit neuem Muthe &#x017F;trebt,</l><lb/>
                <l>Erwacht ein neu Verlangen.</l>
              </lg><lb/>
              <lg n="2">
                <l>Die Sterne &#x017F;piegeln &#x017F;ich im Meer,</l><lb/>
                <l>Und golden gla&#x0364;nzt die Fluth. &#x2014;</l><lb/>
                <l>Ich rannte taumelnd hin und her,</l><lb/>
                <l>Und war nicht &#x017F;chlimm, nicht gut.</l>
              </lg><lb/>
              <lg n="3">
                <l>Doch niedergezogen</l><lb/>
                <l>Sind Zweifel und wankender Sinn,</l><lb/>
                <l>O tragt mich, ihr &#x017F;chaukelnden Wogen,</l><lb/>
                <l>Zur la&#x0364;ng&#x017F;t er&#x017F;ehnten Heimath hin.</l>
              </lg><lb/>
              <lg n="4">
                <l>In lieber da&#x0364;mmernder Ferne,</l><lb/>
                <l>Dort rufen einheimi&#x017F;che Lieder,</l><lb/>
                <l>Aus jeglichem Sterne</l><lb/>
                <l>Blickt &#x017F;ie mit &#x017F;anftem Auge nieder.</l>
              </lg><lb/>
              <lg n="5">
                <l>Ebne dich, du treue Welle,</l><lb/>
                <l>Fu&#x0364;hre mich auf fernen Wegen</l><lb/>
                <l>Zu der vielgeliebten Schwelle,</l><lb/>
                <l>Endlich meinem Glu&#x0364;ck entgegen!</l>
              </lg>
            </lg><lb/>
            <p>Als das Morgenroth aufging, &#x017F;ah er das Land<lb/>
nur noch wie eine unkenntliche blaue Wolke weit<lb/>
hinunter liegen, und er er&#x017F;chrack beinah, als ihn<lb/>
das allma&#x0364;chtige Meer und der gewo&#x0364;lbte Himmel<lb/>
&#x017F;o unermeßlich umgab. In der Ferne &#x017F;eegelte ein<lb/>
Schiff auf ihn zu, und er ha&#x0364;tte beinah geglaubt,<lb/>
daß er &#x017F;ein ehemaliges Unglu&#x0364;ck nur von neuem<lb/>
tra&#x0364;ume; aber als es na&#x0364;her gekommen, &#x017F;ah er, daß<lb/>
die Schiffer Chri&#x017F;ten waren, die ihn &#x017F;ogleich willig<lb/>
aufnahmen. Er freute &#x017F;ich, als er ho&#x0364;rte, daß &#x017F;ie<lb/>
nach Frankreich &#x017F;egelten.</p>
          </div><lb/>
          <milestone rendition="#hr" unit="section"/>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[382/0393] Erſte Abtheilung. Wie froh und friſch mein Sinn ſich hebt, Zuruͤckbleibt alles Bangen, Die Bruſt mit neuem Muthe ſtrebt, Erwacht ein neu Verlangen. Die Sterne ſpiegeln ſich im Meer, Und golden glaͤnzt die Fluth. — Ich rannte taumelnd hin und her, Und war nicht ſchlimm, nicht gut. Doch niedergezogen Sind Zweifel und wankender Sinn, O tragt mich, ihr ſchaukelnden Wogen, Zur laͤngſt erſehnten Heimath hin. In lieber daͤmmernder Ferne, Dort rufen einheimiſche Lieder, Aus jeglichem Sterne Blickt ſie mit ſanftem Auge nieder. Ebne dich, du treue Welle, Fuͤhre mich auf fernen Wegen Zu der vielgeliebten Schwelle, Endlich meinem Gluͤck entgegen! Als das Morgenroth aufging, ſah er das Land nur noch wie eine unkenntliche blaue Wolke weit hinunter liegen, und er erſchrack beinah, als ihn das allmaͤchtige Meer und der gewoͤlbte Himmel ſo unermeßlich umgab. In der Ferne ſeegelte ein Schiff auf ihn zu, und er haͤtte beinah geglaubt, daß er ſein ehemaliges Ungluͤck nur von neuem traͤume; aber als es naͤher gekommen, ſah er, daß die Schiffer Chriſten waren, die ihn ſogleich willig aufnahmen. Er freute ſich, als er hoͤrte, daß ſie nach Frankreich ſegelten.

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/tieck_phantasus01_1812
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/tieck_phantasus01_1812/393
Zitationshilfe: Tieck, Ludwig: Phantasus. Bd. 1. Berlin, 1812, S. 382. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/tieck_phantasus01_1812/393>, abgerufen am 28.09.2021.