Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Tiede, Johann Friedrich: Unterhaltungen mit Gott in den Abendstunden. Halle, 1775.

Bild:
<< vorherige Seite


Der 29te Februar.
Der Tag ist wieder hin,
Und diesen Theil des Lebens
Wie hab ich ihn verbracht?
Verstrich er mir vergebens?


Nein! da sey Gott für, daß er mir vergebens verstrichen wäre;
zumal heut der seltne Tag, den ich kaum zehnmal in
meinem Leben mit Verstand zurück legen werde! Ich will ihn daher
jetzt wenigstens noch nutzen, weil ich ihn ohnehin in fast andert-
halb tausend Tagen nicht wieder zu sehen bekomme. Und wer
weiß, ob ich alsdann aufgelegt zum Nachdenken bin?

Ein wunderbarer Tag! Er ist ein Ueberschuß, eine Zugabe
zu meinen Jahren! So un[unleserliches Material - 1 Zeichen fehlt]sehnlich mir dis Geschenk zu seyn
scheinen könte, so wichtig ist es, so bald ich mich nach der Ursache
desselben erkundige. Die Zeitrechnung würde ohne diesen einge-
schalteten Tag sehr verrückt werden, und schon binnen etlichen
Jahrhunderten würde das Pfingstfest in den Winter fallen. Da
die Erde um die Sonne ihren jährlichen Lauf in 365 Tagen 5
Stunden 49 Minuten vollendet, so betragen diese übrige Stun-
den und Minuten alle vier Jahr beinahe einen Tag, und folglich
würden wir in einer Zeit von 1460 Jahren ein ganzes Jahr ver-
lieren, wenn wir keinen Schalttag machten. Aber das sehe ich
auch voraus, daß man am Ende von etwa hundert Jahren, diese
Einschaltung Einmal überhüpfen muß, weil wir jedem Schalt-
tage beinahe drei Viertelstunden zu viel gaben. Jedoch unsre
Nachkommen werden diese Rechnung schon berichtigen, und nach
tausend Jahren mag man einschalten, oder auslassen: ich werde
alsdann -- bei Gott seyn.

Da manche wichtige Beweise der christlichen Religion auf
eine genaue Zeitrechnung beruhen, und z. E. die 70 Jahrwo-

chen


Der 29te Februar.
Der Tag iſt wieder hin,
Und dieſen Theil des Lebens
Wie hab ich ihn verbracht?
Verſtrich er mir vergebens?


Nein! da ſey Gott fuͤr, daß er mir vergebens verſtrichen waͤre;
zumal heut der ſeltne Tag, den ich kaum zehnmal in
meinem Leben mit Verſtand zuruͤck legen werde! Ich will ihn daher
jetzt wenigſtens noch nutzen, weil ich ihn ohnehin in faſt andert-
halb tauſend Tagen nicht wieder zu ſehen bekomme. Und wer
weiß, ob ich alsdann aufgelegt zum Nachdenken bin?

Ein wunderbarer Tag! Er iſt ein Ueberſchuß, eine Zugabe
zu meinen Jahren! So un[unleserliches Material – 1 Zeichen fehlt]ſehnlich mir dis Geſchenk zu ſeyn
ſcheinen koͤnte, ſo wichtig iſt es, ſo bald ich mich nach der Urſache
deſſelben erkundige. Die Zeitrechnung wuͤrde ohne dieſen einge-
ſchalteten Tag ſehr verruͤckt werden, und ſchon binnen etlichen
Jahrhunderten wuͤrde das Pfingſtfeſt in den Winter fallen. Da
die Erde um die Sonne ihren jaͤhrlichen Lauf in 365 Tagen 5
Stunden 49 Minuten vollendet, ſo betragen dieſe uͤbrige Stun-
den und Minuten alle vier Jahr beinahe einen Tag, und folglich
wuͤrden wir in einer Zeit von 1460 Jahren ein ganzes Jahr ver-
lieren, wenn wir keinen Schalttag machten. Aber das ſehe ich
auch voraus, daß man am Ende von etwa hundert Jahren, dieſe
Einſchaltung Einmal uͤberhuͤpfen muß, weil wir jedem Schalt-
tage beinahe drei Viertelſtunden zu viel gaben. Jedoch unſre
Nachkommen werden dieſe Rechnung ſchon berichtigen, und nach
tauſend Jahren mag man einſchalten, oder auslaſſen: ich werde
alsdann — bei Gott ſeyn.

Da manche wichtige Beweiſe der chriſtlichen Religion auf
eine genaue Zeitrechnung beruhen, und z. E. die 70 Jahrwo-

chen
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <pb facs="#f0160" n="123[153]"/>
          <milestone rendition="#hr" unit="section"/><lb/>
          <div n="3">
            <head>Der 29<hi rendition="#sup">te</hi> Februar.</head><lb/>
            <lg type="poem">
              <l><hi rendition="#in">D</hi>er Tag i&#x017F;t wieder hin,</l><lb/>
              <l>Und die&#x017F;en Theil des Lebens</l><lb/>
              <l>Wie hab ich ihn verbracht?</l><lb/>
              <l>Ver&#x017F;trich er mir vergebens?</l>
            </lg><lb/>
            <milestone rendition="#hr" unit="section"/><lb/>
            <p><hi rendition="#in">N</hi>ein! da &#x017F;ey Gott fu&#x0364;r, daß er mir vergebens ver&#x017F;trichen wa&#x0364;re;<lb/>
zumal heut <hi rendition="#fr">der &#x017F;eltne Tag,</hi> den ich kaum zehnmal in<lb/>
meinem Leben mit Ver&#x017F;tand zuru&#x0364;ck legen werde! Ich will ihn daher<lb/>
jetzt wenig&#x017F;tens noch nutzen, weil ich ihn ohnehin in fa&#x017F;t andert-<lb/>
halb tau&#x017F;end Tagen nicht wieder zu &#x017F;ehen bekomme. Und wer<lb/>
weiß, ob ich alsdann aufgelegt zum Nachdenken bin?</p><lb/>
            <p>Ein wunderbarer Tag! Er i&#x017F;t ein Ueber&#x017F;chuß, eine Zugabe<lb/>
zu meinen Jahren! So un<gap reason="illegible" unit="chars" quantity="1"/>&#x017F;ehnlich mir dis Ge&#x017F;chenk zu &#x017F;eyn<lb/>
&#x017F;cheinen ko&#x0364;nte, &#x017F;o wichtig i&#x017F;t es, &#x017F;o bald ich mich nach der Ur&#x017F;ache<lb/>
de&#x017F;&#x017F;elben erkundige. Die Zeitrechnung wu&#x0364;rde ohne die&#x017F;en einge-<lb/>
&#x017F;chalteten Tag &#x017F;ehr verru&#x0364;ckt werden, und &#x017F;chon binnen etlichen<lb/>
Jahrhunderten wu&#x0364;rde das Pfing&#x017F;tfe&#x017F;t in den Winter fallen. Da<lb/>
die Erde um die Sonne ihren ja&#x0364;hrlichen Lauf in 365 Tagen 5<lb/>
Stunden 49 Minuten vollendet, &#x017F;o betragen die&#x017F;e u&#x0364;brige Stun-<lb/>
den und Minuten alle vier Jahr beinahe einen Tag, und folglich<lb/>
wu&#x0364;rden wir in einer Zeit von 1460 Jahren ein ganzes Jahr ver-<lb/>
lieren, wenn wir keinen Schalttag machten. Aber das &#x017F;ehe ich<lb/>
auch voraus, daß man am Ende von etwa hundert Jahren, die&#x017F;e<lb/>
Ein&#x017F;chaltung Einmal u&#x0364;berhu&#x0364;pfen muß, weil wir jedem Schalt-<lb/>
tage beinahe drei Viertel&#x017F;tunden zu viel gaben. Jedoch un&#x017F;re<lb/>
Nachkommen werden die&#x017F;e Rechnung &#x017F;chon berichtigen, und nach<lb/>
tau&#x017F;end Jahren mag man ein&#x017F;chalten, oder ausla&#x017F;&#x017F;en: ich werde<lb/>
alsdann &#x2014; bei Gott &#x017F;eyn.</p><lb/>
            <p>Da manche wichtige Bewei&#x017F;e der chri&#x017F;tlichen Religion auf<lb/>
eine genaue Zeitrechnung beruhen, und z. E. die 70 Jahrwo-<lb/>
<fw place="bottom" type="catch">chen</fw><lb/></p>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[123[153]/0160] Der 29te Februar. Der Tag iſt wieder hin, Und dieſen Theil des Lebens Wie hab ich ihn verbracht? Verſtrich er mir vergebens? Nein! da ſey Gott fuͤr, daß er mir vergebens verſtrichen waͤre; zumal heut der ſeltne Tag, den ich kaum zehnmal in meinem Leben mit Verſtand zuruͤck legen werde! Ich will ihn daher jetzt wenigſtens noch nutzen, weil ich ihn ohnehin in faſt andert- halb tauſend Tagen nicht wieder zu ſehen bekomme. Und wer weiß, ob ich alsdann aufgelegt zum Nachdenken bin? Ein wunderbarer Tag! Er iſt ein Ueberſchuß, eine Zugabe zu meinen Jahren! So un_ſehnlich mir dis Geſchenk zu ſeyn ſcheinen koͤnte, ſo wichtig iſt es, ſo bald ich mich nach der Urſache deſſelben erkundige. Die Zeitrechnung wuͤrde ohne dieſen einge- ſchalteten Tag ſehr verruͤckt werden, und ſchon binnen etlichen Jahrhunderten wuͤrde das Pfingſtfeſt in den Winter fallen. Da die Erde um die Sonne ihren jaͤhrlichen Lauf in 365 Tagen 5 Stunden 49 Minuten vollendet, ſo betragen dieſe uͤbrige Stun- den und Minuten alle vier Jahr beinahe einen Tag, und folglich wuͤrden wir in einer Zeit von 1460 Jahren ein ganzes Jahr ver- lieren, wenn wir keinen Schalttag machten. Aber das ſehe ich auch voraus, daß man am Ende von etwa hundert Jahren, dieſe Einſchaltung Einmal uͤberhuͤpfen muß, weil wir jedem Schalt- tage beinahe drei Viertelſtunden zu viel gaben. Jedoch unſre Nachkommen werden dieſe Rechnung ſchon berichtigen, und nach tauſend Jahren mag man einſchalten, oder auslaſſen: ich werde alsdann — bei Gott ſeyn. Da manche wichtige Beweiſe der chriſtlichen Religion auf eine genaue Zeitrechnung beruhen, und z. E. die 70 Jahrwo- chen

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …

Matthias Boenig, Benjamin Fiechter, Susanne Haaf, Li Xang: Bearbeitung und strukturelle Auszeichnung der durch die Grepect GmbH bereitgestellten Texttranskription. (2023-05-24T12:24:22Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Britt-Marie Schuster, Alexander Geyken, Susanne Haaf, Christopher Georgi, Frauke Thielert, Linda Kirsten, t.evo: Die Evolution von komplexen Textmustern: Aufbau eines Korpus historischer Zeitungen zur Untersuchung der Mehrdimensionalität des Textmusterwandels

Weitere Informationen:

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/tiede_unterhaltungen01_1775
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/tiede_unterhaltungen01_1775/160
Zitationshilfe: Tiede, Johann Friedrich: Unterhaltungen mit Gott in den Abendstunden. Halle, 1775, S. 123[153]. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/tiede_unterhaltungen01_1775/160>, abgerufen am 25.06.2024.