Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Varnhagen von Ense, Rahel: Rahel. Bd. 1. Berlin, 1834.

Bild:
<< vorherige Seite

Diese Minute! einen Brief von dir! O! wie hat jede
Zeile mein Herz mit anderer Angst belegt und gepreßt. Un-
dankbarer! Blinder. Ich liebe dich. Dich zu sehen, mit dir
zu leben, ist mein höchster, ja und fast mein einziger Wunsch
noch. -- Aber soll ich dich verlieren! -- so wollt' ich's schnell.
Wie eine Operation. Gegen mich, Unkundiger, war ich hart;
und weil du mich dazu zwangst, gradheraus gegen dich. Un-
dankbarer. Weil ich dir nur den Entschluß und nicht den
Weg dazu zeigte, hältst auch du mich für hart?! Ja ich bin
es, ich Unselige! Und ewig! gegen mich. Ich wollte dir
nicht zwei leidende Weiber zeigen; und zeigte dir ein eiser-
nes. Noch jetzt, wenn du mich verlassen mußt, werd' ich nicht
jammern. Schwanken liebe ich nicht: das ist die Gränze
meiner Natur; weil ich's nicht verstehe. Und vom Schwan-
ken kam unser Leid. -- Mir kann's nicht anders gehen! Ich
seh's; mein Geist bereitet's selbst. Wär's mit diesem Leben
nur genug: und bezög sich nichts auf Künftig! Adieu. --



An Varnhagen, in Tübingen.

Geliebter Freund, viele Zeit vor dem Posttage muß ich
dir wieder schreiben, damit es ausführlicher und verständlicher
wird. Heute Morgen sollte es gleich mein Erstes sein: jetzt
ist es schon zwei Uhr, und es wird nun nicht so gut werden.
Aber Mama schrieb mir früh ein demüthiges Billet, worin sie
zwar das Ganze auf mich wohl dreimal beruhen ließ: ich
möchte hinkommen und machen daß Robert ausfährt -- es ist

Dieſe Minute! einen Brief von dir! O! wie hat jede
Zeile mein Herz mit anderer Angſt belegt und gepreßt. Un-
dankbarer! Blinder. Ich liebe dich. Dich zu ſehen, mit dir
zu leben, iſt mein höchſter, ja und faſt mein einziger Wunſch
noch. — Aber ſoll ich dich verlieren! — ſo wollt’ ich’s ſchnell.
Wie eine Operation. Gegen mich, Unkundiger, war ich hart;
und weil du mich dazu zwangſt, gradheraus gegen dich. Un-
dankbarer. Weil ich dir nur den Entſchluß und nicht den
Weg dazu zeigte, hältſt auch du mich für hart?! Ja ich bin
es, ich Unſelige! Und ewig! gegen mich. Ich wollte dir
nicht zwei leidende Weiber zeigen; und zeigte dir ein eiſer-
nes. Noch jetzt, wenn du mich verlaſſen mußt, werd’ ich nicht
jammern. Schwanken liebe ich nicht: das iſt die Gränze
meiner Natur; weil ich’s nicht verſtehe. Und vom Schwan-
ken kam unſer Leid. — Mir kann’s nicht anders gehen! Ich
ſeh’s; mein Geiſt bereitet’s ſelbſt. Wär’s mit dieſem Leben
nur genug: und bezög ſich nichts auf Künftig! Adieu. —



An Varnhagen, in Tübingen.

Geliebter Freund, viele Zeit vor dem Poſttage muß ich
dir wieder ſchreiben, damit es ausführlicher und verſtändlicher
wird. Heute Morgen ſollte es gleich mein Erſtes ſein: jetzt
iſt es ſchon zwei Uhr, und es wird nun nicht ſo gut werden.
Aber Mama ſchrieb mir früh ein demüthiges Billet, worin ſie
zwar das Ganze auf mich wohl dreimal beruhen ließ: ich
möchte hinkommen und machen daß Robert ausfährt — es iſt

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <pb facs="#f0408" n="394"/>
          <p>Die&#x017F;e <hi rendition="#g">Minute</hi>! einen Brief von dir! O! wie hat jede<lb/>
Zeile mein Herz mit anderer Ang&#x017F;t belegt und gepreßt. Un-<lb/>
dankbarer! Blinder. Ich liebe dich. Dich zu &#x017F;ehen, mit dir<lb/>
zu leben, i&#x017F;t mein höch&#x017F;ter, ja und fa&#x017F;t mein einziger Wun&#x017F;ch<lb/>
noch. &#x2014; Aber &#x017F;oll ich dich verlieren! &#x2014; &#x017F;o wollt&#x2019; ich&#x2019;s &#x017F;chnell.<lb/>
Wie eine Operation. Gegen <hi rendition="#g">mich</hi>, Unkundiger, war ich hart;<lb/>
und weil du mich dazu zwang&#x017F;t, gradheraus gegen dich. Un-<lb/>
dankbarer. Weil ich dir nur den Ent&#x017F;chluß und nicht den<lb/>
Weg dazu zeigte, hält&#x017F;t auch du mich für hart?! Ja ich bin<lb/>
es, ich Un&#x017F;elige! Und ewig! <hi rendition="#g">gegen mich</hi>. Ich wollte dir<lb/>
nicht <hi rendition="#g">zwei</hi> leidende Weiber zeigen; und zeigte dir <hi rendition="#g">ein</hi> ei&#x017F;er-<lb/>
nes. Noch jetzt, wenn du mich verla&#x017F;&#x017F;en mußt, werd&#x2019; ich <hi rendition="#g">nicht</hi><lb/>
jammern. Schwanken liebe ich nicht: das i&#x017F;t die Gränze<lb/><hi rendition="#g">meiner</hi> Natur; weil ich&#x2019;s nicht ver&#x017F;tehe. Und vom Schwan-<lb/>
ken kam un&#x017F;er Leid. &#x2014; Mir kann&#x2019;s nicht anders gehen! Ich<lb/>
&#x017F;eh&#x2019;s; mein Gei&#x017F;t bereitet&#x2019;s &#x017F;elb&#x017F;t. Wär&#x2019;s mit die&#x017F;em Leben<lb/>
nur genug: und bezög &#x017F;ich nichts auf Künftig! Adieu. &#x2014;</p>
        </div><lb/>
        <milestone rendition="#hr" unit="section"/>
        <div n="2">
          <head>An Varnhagen, in Tübingen.</head><lb/>
          <div n="3">
            <dateline> <hi rendition="#et">Sonntag, den 29. Januar 1809.</hi> </dateline><lb/>
            <p>Geliebter Freund, viele Zeit vor dem Po&#x017F;ttage muß ich<lb/>
dir wieder &#x017F;chreiben, damit es ausführlicher und ver&#x017F;tändlicher<lb/>
wird. Heute Morgen &#x017F;ollte es gleich mein Er&#x017F;tes &#x017F;ein: jetzt<lb/>
i&#x017F;t es &#x017F;chon zwei Uhr, und es wird nun nicht &#x017F;o gut werden.<lb/>
Aber Mama &#x017F;chrieb mir früh ein demüthiges Billet, worin &#x017F;ie<lb/>
zwar das Ganze auf mich wohl dreimal beruhen ließ: ich<lb/>
möchte hinkommen und machen daß Robert ausfährt &#x2014; es i&#x017F;t<lb/></p>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[394/0408] Dieſe Minute! einen Brief von dir! O! wie hat jede Zeile mein Herz mit anderer Angſt belegt und gepreßt. Un- dankbarer! Blinder. Ich liebe dich. Dich zu ſehen, mit dir zu leben, iſt mein höchſter, ja und faſt mein einziger Wunſch noch. — Aber ſoll ich dich verlieren! — ſo wollt’ ich’s ſchnell. Wie eine Operation. Gegen mich, Unkundiger, war ich hart; und weil du mich dazu zwangſt, gradheraus gegen dich. Un- dankbarer. Weil ich dir nur den Entſchluß und nicht den Weg dazu zeigte, hältſt auch du mich für hart?! Ja ich bin es, ich Unſelige! Und ewig! gegen mich. Ich wollte dir nicht zwei leidende Weiber zeigen; und zeigte dir ein eiſer- nes. Noch jetzt, wenn du mich verlaſſen mußt, werd’ ich nicht jammern. Schwanken liebe ich nicht: das iſt die Gränze meiner Natur; weil ich’s nicht verſtehe. Und vom Schwan- ken kam unſer Leid. — Mir kann’s nicht anders gehen! Ich ſeh’s; mein Geiſt bereitet’s ſelbſt. Wär’s mit dieſem Leben nur genug: und bezög ſich nichts auf Künftig! Adieu. — An Varnhagen, in Tübingen. Sonntag, den 29. Januar 1809. Geliebter Freund, viele Zeit vor dem Poſttage muß ich dir wieder ſchreiben, damit es ausführlicher und verſtändlicher wird. Heute Morgen ſollte es gleich mein Erſtes ſein: jetzt iſt es ſchon zwei Uhr, und es wird nun nicht ſo gut werden. Aber Mama ſchrieb mir früh ein demüthiges Billet, worin ſie zwar das Ganze auf mich wohl dreimal beruhen ließ: ich möchte hinkommen und machen daß Robert ausfährt — es iſt

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/varnhagen_rahel01_1834
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/varnhagen_rahel01_1834/408
Zitationshilfe: Varnhagen von Ense, Rahel: Rahel. Bd. 1. Berlin, 1834, S. 394. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/varnhagen_rahel01_1834/408>, abgerufen am 26.02.2021.