Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Varnhagen von Ense, Rahel: Rahel. Bd. 1. Berlin, 1834.

Bild:
<< vorherige Seite

sicht; ich mußte gleich mitlachen. Brentano hat ein wun-
derschönes Gedicht auf die Einweihung der Universität ge-
macht. -- --



Unschuld ist schön; Tugend ist ein Pflaster, eine Narbe,
eine Operation.




An David Veit, in Hamburg.


-- Ich danke Ihnen recht sehr, lieber Veit! Weil Sie
mir gratuliren. Was hilft es aber, mein Freund, mit frem-
den Augen in die Glückseligkeit schauen! wie der englische
Dichter es ausdrückt --, die Stimmung in diesen Zeilen wird
der Revers von der sein müssen, die mein Bruder hier hinge-
setzt hat; und so wird doch ein Ganzes sich zusammenfinden,
wenn auch kein Gleichstimmiges. (Ich kann jetzt gar nicht
mehr schreiben, weil, so wie ich nur die Feder in der Hand
habe, mir die tiefsten Meinungen des Geistes und Herzens
entfahren, und gar nichts anderes mir zu Gebote steht. Diese
aber sind meist kritisch, oder lyrisch; und beides schickt sich,
fühl' ich wohl, nicht für mich; die ich Weib, alt, und Mäd-
chen bin, und sein soll. Aus diesen Gesichtspunkten bitte ich
sie, die Erklärungen -- declarations --, woraus dieser Brief
nun bestehen wird, anzusehen.) Wissen Sie also, daß ich
nichts von dem, was ich gethan, und ganz besonders von dem,
was ich unterlassen habe, bereue; daß ich streng eben so denke,
wie ich von je gedacht habe; und wenn ein Unterschied Statt

ſicht; ich mußte gleich mitlachen. Brentano hat ein wun-
derſchönes Gedicht auf die Einweihung der Univerſität ge-
macht. — —



Unſchuld iſt ſchön; Tugend iſt ein Pflaſter, eine Narbe,
eine Operation.




An David Veit, in Hamburg.


— Ich danke Ihnen recht ſehr, lieber Veit! Weil Sie
mir gratuliren. Was hilft es aber, mein Freund, mit frem-
den Augen in die Glückſeligkeit ſchauen! wie der engliſche
Dichter es ausdrückt —, die Stimmung in dieſen Zeilen wird
der Revers von der ſein müſſen, die mein Bruder hier hinge-
ſetzt hat; und ſo wird doch ein Ganzes ſich zuſammenfinden,
wenn auch kein Gleichſtimmiges. (Ich kann jetzt gar nicht
mehr ſchreiben, weil, ſo wie ich nur die Feder in der Hand
habe, mir die tiefſten Meinungen des Geiſtes und Herzens
entfahren, und gar nichts anderes mir zu Gebote ſteht. Dieſe
aber ſind meiſt kritiſch, oder lyriſch; und beides ſchickt ſich,
fühl’ ich wohl, nicht für mich; die ich Weib, alt, und Mäd-
chen bin, und ſein ſoll. Aus dieſen Geſichtspunkten bitte ich
ſie, die Erklärungen — déclarations —, woraus dieſer Brief
nun beſtehen wird, anzuſehen.) Wiſſen Sie alſo, daß ich
nichts von dem, was ich gethan, und ganz beſonders von dem,
was ich unterlaſſen habe, bereue; daß ich ſtreng eben ſo denke,
wie ich von je gedacht habe; und wenn ein Unterſchied Statt

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <p><pb facs="#f0502" n="488"/>
&#x017F;icht; ich mußte gleich mitlachen. Brentano hat ein wun-<lb/>
der&#x017F;chönes Gedicht auf die Einweihung der Univer&#x017F;ität ge-<lb/>
macht. &#x2014; &#x2014;</p>
          </div><lb/>
          <milestone rendition="#hr" unit="section"/>
          <div n="3">
            <p>Un&#x017F;chuld i&#x017F;t &#x017F;chön; Tugend i&#x017F;t ein Pfla&#x017F;ter, eine Narbe,<lb/>
eine Operation.</p><lb/>
            <dateline> <hi rendition="#et">1811.</hi> </dateline>
          </div>
        </div><lb/>
        <milestone rendition="#hr" unit="section"/>
        <div n="2">
          <head>An David Veit, in Hamburg.</head><lb/>
          <dateline> <hi rendition="#et">Berlin, den 20. April 1811.</hi> </dateline><lb/>
          <p>&#x2014; Ich danke Ihnen recht &#x017F;ehr, lieber Veit! Weil Sie<lb/>
mir gratuliren. Was hilft es aber, mein Freund, mit frem-<lb/>
den Augen in die Glück&#x017F;eligkeit &#x017F;chauen! wie der engli&#x017F;che<lb/>
Dichter es ausdrückt &#x2014;, die Stimmung in die&#x017F;en Zeilen wird<lb/>
der Revers von der &#x017F;ein mü&#x017F;&#x017F;en, die mein Bruder hier hinge-<lb/>
&#x017F;etzt hat; und &#x017F;o wird doch ein Ganzes &#x017F;ich zu&#x017F;ammenfinden,<lb/>
wenn auch kein Gleich&#x017F;timmiges. (Ich kann jetzt gar nicht<lb/>
mehr &#x017F;chreiben, weil, &#x017F;o wie ich nur die Feder in der Hand<lb/>
habe, mir die tief&#x017F;ten Meinungen des Gei&#x017F;tes und Herzens<lb/>
entfahren, und gar nichts anderes mir zu Gebote &#x017F;teht. Die&#x017F;e<lb/>
aber &#x017F;ind mei&#x017F;t kriti&#x017F;ch, oder lyri&#x017F;ch; und beides &#x017F;chickt &#x017F;ich,<lb/>
fühl&#x2019; ich wohl, nicht für mich; die ich Weib, alt, und Mäd-<lb/>
chen bin, und &#x017F;ein &#x017F;oll. Aus die&#x017F;en Ge&#x017F;ichtspunkten bitte ich<lb/>
&#x017F;ie, die Erklärungen &#x2014; <hi rendition="#aq">déclarations</hi> &#x2014;, woraus die&#x017F;er Brief<lb/>
nun be&#x017F;tehen wird, anzu&#x017F;ehen.) Wi&#x017F;&#x017F;en Sie al&#x017F;o, daß ich<lb/>
nichts von dem, was ich gethan, und ganz be&#x017F;onders von dem,<lb/>
was ich unterla&#x017F;&#x017F;en habe, bereue; daß ich &#x017F;treng eben &#x017F;o denke,<lb/>
wie ich von je gedacht habe; und wenn ein Unter&#x017F;chied Statt<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[488/0502] ſicht; ich mußte gleich mitlachen. Brentano hat ein wun- derſchönes Gedicht auf die Einweihung der Univerſität ge- macht. — — Unſchuld iſt ſchön; Tugend iſt ein Pflaſter, eine Narbe, eine Operation. 1811. An David Veit, in Hamburg. Berlin, den 20. April 1811. — Ich danke Ihnen recht ſehr, lieber Veit! Weil Sie mir gratuliren. Was hilft es aber, mein Freund, mit frem- den Augen in die Glückſeligkeit ſchauen! wie der engliſche Dichter es ausdrückt —, die Stimmung in dieſen Zeilen wird der Revers von der ſein müſſen, die mein Bruder hier hinge- ſetzt hat; und ſo wird doch ein Ganzes ſich zuſammenfinden, wenn auch kein Gleichſtimmiges. (Ich kann jetzt gar nicht mehr ſchreiben, weil, ſo wie ich nur die Feder in der Hand habe, mir die tiefſten Meinungen des Geiſtes und Herzens entfahren, und gar nichts anderes mir zu Gebote ſteht. Dieſe aber ſind meiſt kritiſch, oder lyriſch; und beides ſchickt ſich, fühl’ ich wohl, nicht für mich; die ich Weib, alt, und Mäd- chen bin, und ſein ſoll. Aus dieſen Geſichtspunkten bitte ich ſie, die Erklärungen — déclarations —, woraus dieſer Brief nun beſtehen wird, anzuſehen.) Wiſſen Sie alſo, daß ich nichts von dem, was ich gethan, und ganz beſonders von dem, was ich unterlaſſen habe, bereue; daß ich ſtreng eben ſo denke, wie ich von je gedacht habe; und wenn ein Unterſchied Statt

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/varnhagen_rahel01_1834
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/varnhagen_rahel01_1834/502
Zitationshilfe: Varnhagen von Ense, Rahel: Rahel. Bd. 1. Berlin, 1834, S. 488. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/varnhagen_rahel01_1834/502>, abgerufen am 26.02.2021.