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Vischer, Friedrich Theodor von: Ästhetik oder Wissenschaft des Schönen. Bd. 3,2,4. Stuttgart, 1857.

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modificirt, und doch jedes wegen seiner eigenthümlichen Beschaffenheit in
Bezug auf Kraft, Helligkeit, Beweglichkeit u. s. w. für Eine oder für
mehrere bestimmte Stimmungsarten am empfänglichsten und eben in ihnen
am wirksamsten ist. -- Das Solospiel kann aber auch mehr rein instru-
mentaler Natur, d. h. (§. 796) auf objective Veranschaulichung einer besondern
Instrumentalkunstform gerichtet sein, es kann darauf abzwecken, der künst-
lerischen Phantasie ein charakteristisches Instrumentaltonbild vorzuführen; die
Empfindung, der Inhalt soll auch hier nicht fehlen, aber die Form, die
Ausführung, die Darlegung der dem Instrument naturgemäß abzugewinnen-
den Toncharaktere, Tonkräfte, Toncombinationen, Figuren u. s. w., kurz die
volle Belebung des Organs und der in ihm schlummernden Möglichkeiten
schöner musikalischer Wirkung ist die Hauptsache. Auch hiegegen ist mit
Fug nichts einzuwenden; es würde im Gegentheil etwas Wesentliches ver-
loren gehen, wenn z. B. die große Mannigfaltigkeit von Gestaltungen,
welche ein Variationencyclus eröffnet, niemals dazu benützt würde, in der
einen oder andern Violinvariation den Charakter dieses Instruments nach
der einen oder andern Seite, seine Feinheit, Wärme, Beweglichkeit, die
Kraft großartiger Bogenführung u. s. w., zur Darstellung zu bringen; was
an sich schön und bedeutend ist, muß auch an's Licht des Bewußtseins
herausgehoben, zur gemeinsamen Anschauung Aller gebracht werden. Und
zwar ist hievon auch ein solches Solospiel nicht auszuschließen, welches
mehr das Quantitativtechnische der "Leistungsfähigkeit" eines Instruments,
der künstlichen Schwierigkeiten, die es auf die Bahn zu bringen und sieg-
reich zu überwinden erlaubt, hervorzukehren sich zum Zwecke setzt; es entsteht
auch hiedurch ein concretes Bewußtsein der Eigenthümlichkeit und Wirksamkeit
des Instruments und eine Anschauung einer besondern Kunstart, welche ein-
fachern Productionen als berechtigter, das Prinzip bewegter Mannigfaltigkeit
der Stimmführung in höchster Potenz darstellender Contrast gegenübertritt. --
Die weitern Sätze, welche der §. über das Solospiel aufstellt, sofern es in
eine Darlegung subjectiver Virtuosität übergeht, bedürfen (besonders bei
Vergleichung von §. 525, 409 f.) einer näheren Begründung nicht; was
über das geringere Maaß der Unnatur abstracter Instrumentalvirtuosität der
Gesangsvirtuosität gegenüber gesagt ist, leuchtet von selbst ein, da das
Instrument von vorn herein ein unselbständiges Werkzeug und ein rein
technisches, freiste Behandlung zulassendes, ja herausforderndes, zudem ein
todtes, in seinem Bestande nicht zu alterirendes oder stets neu herzustellendes
Organ in der Hand des Spielers ist, wogegen die Menschenstimme einer-
seits zu hoch steht, um zu einem bloßen Mittel virtuoser Ostentation des
Individuums herabgewürdigt werden zu dürfen, und andrerseits zu zart,
zu kunstvoll organisirt, zu ausdrucksreich, wie als Naturgabe zu kostbar ist,
als daß ihre Verderbung, Verschwendung und Hineinleitung in eine falsche

modificirt, und doch jedes wegen ſeiner eigenthümlichen Beſchaffenheit in
Bezug auf Kraft, Helligkeit, Beweglichkeit u. ſ. w. für Eine oder für
mehrere beſtimmte Stimmungsarten am empfänglichſten und eben in ihnen
am wirkſamſten iſt. — Das Soloſpiel kann aber auch mehr rein inſtru-
mentaler Natur, d. h. (§. 796) auf objective Veranſchaulichung einer beſondern
Inſtrumentalkunſtform gerichtet ſein, es kann darauf abzwecken, der künſt-
leriſchen Phantaſie ein charakteriſtiſches Inſtrumentaltonbild vorzuführen; die
Empfindung, der Inhalt ſoll auch hier nicht fehlen, aber die Form, die
Ausführung, die Darlegung der dem Inſtrument naturgemäß abzugewinnen-
den Toncharaktere, Tonkräfte, Toncombinationen, Figuren u. ſ. w., kurz die
volle Belebung des Organs und der in ihm ſchlummernden Möglichkeiten
ſchöner muſikaliſcher Wirkung iſt die Hauptſache. Auch hiegegen iſt mit
Fug nichts einzuwenden; es würde im Gegentheil etwas Weſentliches ver-
loren gehen, wenn z. B. die große Mannigfaltigkeit von Geſtaltungen,
welche ein Variationencyclus eröffnet, niemals dazu benützt würde, in der
einen oder andern Violinvariation den Charakter dieſes Inſtruments nach
der einen oder andern Seite, ſeine Feinheit, Wärme, Beweglichkeit, die
Kraft großartiger Bogenführung u. ſ. w., zur Darſtellung zu bringen; was
an ſich ſchön und bedeutend iſt, muß auch an’s Licht des Bewußtſeins
herausgehoben, zur gemeinſamen Anſchauung Aller gebracht werden. Und
zwar iſt hievon auch ein ſolches Soloſpiel nicht auszuſchließen, welches
mehr das Quantitativtechniſche der „Leiſtungsfähigkeit“ eines Inſtruments,
der künſtlichen Schwierigkeiten, die es auf die Bahn zu bringen und ſieg-
reich zu überwinden erlaubt, hervorzukehren ſich zum Zwecke ſetzt; es entſteht
auch hiedurch ein concretes Bewußtſein der Eigenthümlichkeit und Wirkſamkeit
des Inſtruments und eine Anſchauung einer beſondern Kunſtart, welche ein-
fachern Productionen als berechtigter, das Prinzip bewegter Mannigfaltigkeit
der Stimmführung in höchſter Potenz darſtellender Contraſt gegenübertritt. —
Die weitern Sätze, welche der §. über das Soloſpiel aufſtellt, ſofern es in
eine Darlegung ſubjectiver Virtuoſität übergeht, bedürfen (beſonders bei
Vergleichung von §. 525, 409 f.) einer näheren Begründung nicht; was
über das geringere Maaß der Unnatur abſtracter Inſtrumentalvirtuoſität der
Geſangsvirtuoſität gegenüber geſagt iſt, leuchtet von ſelbſt ein, da das
Inſtrument von vorn herein ein unſelbſtändiges Werkzeug und ein rein
techniſches, freiſte Behandlung zulaſſendes, ja herausforderndes, zudem ein
todtes, in ſeinem Beſtande nicht zu alterirendes oder ſtets neu herzuſtellendes
Organ in der Hand des Spielers iſt, wogegen die Menſchenſtimme einer-
ſeits zu hoch ſteht, um zu einem bloßen Mittel virtuoſer Oſtentation des
Individuums herabgewürdigt werden zu dürfen, und andrerſeits zu zart,
zu kunſtvoll organiſirt, zu ausdrucksreich, wie als Naturgabe zu koſtbar iſt,
als daß ihre Verderbung, Verſchwendung und Hineinleitung in eine falſche

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[1052/0290] modificirt, und doch jedes wegen ſeiner eigenthümlichen Beſchaffenheit in Bezug auf Kraft, Helligkeit, Beweglichkeit u. ſ. w. für Eine oder für mehrere beſtimmte Stimmungsarten am empfänglichſten und eben in ihnen am wirkſamſten iſt. — Das Soloſpiel kann aber auch mehr rein inſtru- mentaler Natur, d. h. (§. 796) auf objective Veranſchaulichung einer beſondern Inſtrumentalkunſtform gerichtet ſein, es kann darauf abzwecken, der künſt- leriſchen Phantaſie ein charakteriſtiſches Inſtrumentaltonbild vorzuführen; die Empfindung, der Inhalt ſoll auch hier nicht fehlen, aber die Form, die Ausführung, die Darlegung der dem Inſtrument naturgemäß abzugewinnen- den Toncharaktere, Tonkräfte, Toncombinationen, Figuren u. ſ. w., kurz die volle Belebung des Organs und der in ihm ſchlummernden Möglichkeiten ſchöner muſikaliſcher Wirkung iſt die Hauptſache. Auch hiegegen iſt mit Fug nichts einzuwenden; es würde im Gegentheil etwas Weſentliches ver- loren gehen, wenn z. B. die große Mannigfaltigkeit von Geſtaltungen, welche ein Variationencyclus eröffnet, niemals dazu benützt würde, in der einen oder andern Violinvariation den Charakter dieſes Inſtruments nach der einen oder andern Seite, ſeine Feinheit, Wärme, Beweglichkeit, die Kraft großartiger Bogenführung u. ſ. w., zur Darſtellung zu bringen; was an ſich ſchön und bedeutend iſt, muß auch an’s Licht des Bewußtſeins herausgehoben, zur gemeinſamen Anſchauung Aller gebracht werden. Und zwar iſt hievon auch ein ſolches Soloſpiel nicht auszuſchließen, welches mehr das Quantitativtechniſche der „Leiſtungsfähigkeit“ eines Inſtruments, der künſtlichen Schwierigkeiten, die es auf die Bahn zu bringen und ſieg- reich zu überwinden erlaubt, hervorzukehren ſich zum Zwecke ſetzt; es entſteht auch hiedurch ein concretes Bewußtſein der Eigenthümlichkeit und Wirkſamkeit des Inſtruments und eine Anſchauung einer beſondern Kunſtart, welche ein- fachern Productionen als berechtigter, das Prinzip bewegter Mannigfaltigkeit der Stimmführung in höchſter Potenz darſtellender Contraſt gegenübertritt. — Die weitern Sätze, welche der §. über das Soloſpiel aufſtellt, ſofern es in eine Darlegung ſubjectiver Virtuoſität übergeht, bedürfen (beſonders bei Vergleichung von §. 525, 409 f.) einer näheren Begründung nicht; was über das geringere Maaß der Unnatur abſtracter Inſtrumentalvirtuoſität der Geſangsvirtuoſität gegenüber geſagt iſt, leuchtet von ſelbſt ein, da das Inſtrument von vorn herein ein unſelbſtändiges Werkzeug und ein rein techniſches, freiſte Behandlung zulaſſendes, ja herausforderndes, zudem ein todtes, in ſeinem Beſtande nicht zu alterirendes oder ſtets neu herzuſtellendes Organ in der Hand des Spielers iſt, wogegen die Menſchenſtimme einer- ſeits zu hoch ſteht, um zu einem bloßen Mittel virtuoſer Oſtentation des Individuums herabgewürdigt werden zu dürfen, und andrerſeits zu zart, zu kunſtvoll organiſirt, zu ausdrucksreich, wie als Naturgabe zu koſtbar iſt, als daß ihre Verderbung, Verſchwendung und Hineinleitung in eine falſche

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Zitationshilfe: Vischer, Friedrich Theodor von: Ästhetik oder Wissenschaft des Schönen. Bd. 3,2,4. Stuttgart, 1857, S. 1052. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/vischer_aesthetik030204_1857/290>, abgerufen am 25.02.2024.