Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Vischer, Friedrich Theodor von: Ästhetik oder Wissenschaft des Schönen. Bd. 3,2,4. Stuttgart, 1857.

Bild:
<< vorherige Seite

erst ein, wenn er sich successiv in einem Anschwellen und Abschwellen ent-
faltet, aber er ist zuerst für sich in seiner getrennten Bestimmtheit hinzu-
stellen. Es liegt im Wesen des Gefühls, daß es sich jetzt mit voller Kraft
in den Moment stürzt, jetzt seine Masse bricht, vertheilt, leichter, schweben-
der, sanfter auftritt bis zur hinschwindenden Auflösung, zum Verhauchen
und Sterben. Die stärkere Intensität wird meist den Uebergang in den
volleren Affect bezeichnen, ein Hereinbrechen nach der Seite des Willens
hin, der zartere Gang ist mehr reines Gefühl, das in sich bleibt und seine
Schönheit genießt. -- Weiter ist in die Gefühlslehre auch das heraufzu-
nehmen, was in der Musik Dur und Moll heißt: ein neuer, eigenthümlicher
Stimmungs-Dualismus, der sich durch alle andern Unterschiede hindurch-
zieht. Er fällt keineswegs mit dem Grundgegensatze der Lust und Unlust
zusammen. Dur ist nicht nothwendig heiter, Moll nicht traurig, wehmüthig;
auch hart und weich, wovon der musikalische Name gebildet ist, bezeichnet
nicht richtig. Wir haben Stimmungen, wo es uns ist, als fühlen wir
Alles nur gedämpft, nur wie durch einen halb verhüllenden Flor, das
Heitere sowohl, als das Ernste; wir haben andere, wo wir diesen Schleier
lüften und die Welt mit kraftvoller Entschiedenheit auf uns wirken lassen.
Es ist wie der Unterschied eines sachten und eines vollen Auftretens: dort
geht das Empfinden leise, als fürchtete es, mit der vollen Geltung seiner
Lichter und Schatten die Energie des Ich zu wecken; es ist eine Stimmung
wie die des Mondlichts, wo wir im Verschwimmen der Umrisse alles Leben
gedämpft, dem Loose des Vergehens hingegeben fühlen; hier dagegen wagt
die Empfindung sich in den vollen Tag heraus, tritt entschlossen auf, fühlt
das Leben als kräftige und berechtigte Gegenwart, entscheidet das Unent-
schiedene und will sich in Alles und Jedes mit ungetheilter Klarheit und
Fülle legen. Jene Verhüllung bringt allerdings immer einen elegischen
Zug mit sich, aber derselbe schließt das Heitere nicht aus, sondern dämpft
es nur, und umgekehrt scheut diese Lüftung der Hülle nicht die Trauer,
sondern gibt sich ihr hin wie ein Gemüth, das dem Schmerze sein volles
Recht einräumen will. -- Die dritte Unterscheidung des §. bezieht sich
auf das, was in der Musik Klangfarbe heißt. Auch diese Modification
muß schon in der Gefühlslehre aufgeführt werden, denn der Musiker ergreift
nicht verschiedene Instrumente, um sich über ihren verschiedenen Gefühls-
ausdruck zu verwundern, sondern wählt zwischen ihnen, weil er für die
eine Empfindungsweise jenes, für die andere dieses entsprechend findet. Es
ist schon früher auf die landschaftliche Empfindung in der Malerei hinge-
wiesen worden, mit welcher ja das Subjective, der Musik Verwandte so
fühlbar in dieser Kunst hervortritt; hier findet dieß nähere Anwendung:
wir haben für das Gefühl, das die Localtöne und der Hauptton in der
Landschaft, die Producte eines Zusammenwirkens der allgemeinen Medien

erſt ein, wenn er ſich ſucceſſiv in einem Anſchwellen und Abſchwellen ent-
faltet, aber er iſt zuerſt für ſich in ſeiner getrennten Beſtimmtheit hinzu-
ſtellen. Es liegt im Weſen des Gefühls, daß es ſich jetzt mit voller Kraft
in den Moment ſtürzt, jetzt ſeine Maſſe bricht, vertheilt, leichter, ſchweben-
der, ſanfter auftritt bis zur hinſchwindenden Auflöſung, zum Verhauchen
und Sterben. Die ſtärkere Intenſität wird meiſt den Uebergang in den
volleren Affect bezeichnen, ein Hereinbrechen nach der Seite des Willens
hin, der zartere Gang iſt mehr reines Gefühl, das in ſich bleibt und ſeine
Schönheit genießt. — Weiter iſt in die Gefühlslehre auch das heraufzu-
nehmen, was in der Muſik Dur und Moll heißt: ein neuer, eigenthümlicher
Stimmungs-Dualiſmus, der ſich durch alle andern Unterſchiede hindurch-
zieht. Er fällt keineswegs mit dem Grundgegenſatze der Luſt und Unluſt
zuſammen. Dur iſt nicht nothwendig heiter, Moll nicht traurig, wehmüthig;
auch hart und weich, wovon der muſikaliſche Name gebildet iſt, bezeichnet
nicht richtig. Wir haben Stimmungen, wo es uns iſt, als fühlen wir
Alles nur gedämpft, nur wie durch einen halb verhüllenden Flor, das
Heitere ſowohl, als das Ernſte; wir haben andere, wo wir dieſen Schleier
lüften und die Welt mit kraftvoller Entſchiedenheit auf uns wirken laſſen.
Es iſt wie der Unterſchied eines ſachten und eines vollen Auftretens: dort
geht das Empfinden leiſe, als fürchtete es, mit der vollen Geltung ſeiner
Lichter und Schatten die Energie des Ich zu wecken; es iſt eine Stimmung
wie die des Mondlichts, wo wir im Verſchwimmen der Umriſſe alles Leben
gedämpft, dem Looſe des Vergehens hingegeben fühlen; hier dagegen wagt
die Empfindung ſich in den vollen Tag heraus, tritt entſchloſſen auf, fühlt
das Leben als kräftige und berechtigte Gegenwart, entſcheidet das Unent-
ſchiedene und will ſich in Alles und Jedes mit ungetheilter Klarheit und
Fülle legen. Jene Verhüllung bringt allerdings immer einen elegiſchen
Zug mit ſich, aber derſelbe ſchließt das Heitere nicht aus, ſondern dämpft
es nur, und umgekehrt ſcheut dieſe Lüftung der Hülle nicht die Trauer,
ſondern gibt ſich ihr hin wie ein Gemüth, das dem Schmerze ſein volles
Recht einräumen will. — Die dritte Unterſcheidung des §. bezieht ſich
auf das, was in der Muſik Klangfarbe heißt. Auch dieſe Modification
muß ſchon in der Gefühlslehre aufgeführt werden, denn der Muſiker ergreift
nicht verſchiedene Inſtrumente, um ſich über ihren verſchiedenen Gefühls-
ausdruck zu verwundern, ſondern wählt zwiſchen ihnen, weil er für die
eine Empfindungsweiſe jenes, für die andere dieſes entſprechend findet. Es
iſt ſchon früher auf die landſchaftliche Empfindung in der Malerei hinge-
wieſen worden, mit welcher ja das Subjective, der Muſik Verwandte ſo
fühlbar in dieſer Kunſt hervortritt; hier findet dieß nähere Anwendung:
wir haben für das Gefühl, das die Localtöne und der Hauptton in der
Landſchaft, die Producte eines Zuſammenwirkens der allgemeinen Medien

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <div n="4">
              <p> <hi rendition="#et"><pb facs="#f0040" n="802"/>
er&#x017F;t ein, wenn er &#x017F;ich &#x017F;ucce&#x017F;&#x017F;iv in einem An&#x017F;chwellen und Ab&#x017F;chwellen ent-<lb/>
faltet, aber er i&#x017F;t zuer&#x017F;t für &#x017F;ich in &#x017F;einer getrennten Be&#x017F;timmtheit hinzu-<lb/>
&#x017F;tellen. Es liegt im We&#x017F;en des Gefühls, daß es &#x017F;ich jetzt mit voller Kraft<lb/>
in den Moment &#x017F;türzt, jetzt &#x017F;eine Ma&#x017F;&#x017F;e bricht, vertheilt, leichter, &#x017F;chweben-<lb/>
der, &#x017F;anfter auftritt bis zur hin&#x017F;chwindenden Auflö&#x017F;ung, zum Verhauchen<lb/>
und Sterben. Die &#x017F;tärkere Inten&#x017F;ität wird mei&#x017F;t den Uebergang in den<lb/>
volleren Affect bezeichnen, ein Hereinbrechen nach der Seite des Willens<lb/>
hin, der zartere Gang i&#x017F;t mehr reines Gefühl, das in &#x017F;ich bleibt und &#x017F;eine<lb/>
Schönheit genießt. &#x2014; Weiter i&#x017F;t in die Gefühlslehre auch das heraufzu-<lb/>
nehmen, was in der Mu&#x017F;ik Dur und Moll heißt: ein neuer, eigenthümlicher<lb/>
Stimmungs-Duali&#x017F;mus, der &#x017F;ich durch alle andern Unter&#x017F;chiede hindurch-<lb/>
zieht. Er fällt keineswegs mit dem Grundgegen&#x017F;atze der Lu&#x017F;t und Unlu&#x017F;t<lb/>
zu&#x017F;ammen. Dur i&#x017F;t nicht nothwendig heiter, Moll nicht traurig, wehmüthig;<lb/>
auch hart und weich, wovon der mu&#x017F;ikali&#x017F;che Name gebildet i&#x017F;t, bezeichnet<lb/>
nicht richtig. Wir haben Stimmungen, wo es uns i&#x017F;t, als fühlen wir<lb/>
Alles nur gedämpft, nur wie durch einen halb verhüllenden Flor, das<lb/>
Heitere &#x017F;owohl, als das Ern&#x017F;te; wir haben andere, wo wir die&#x017F;en Schleier<lb/>
lüften und die Welt mit kraftvoller Ent&#x017F;chiedenheit auf uns wirken la&#x017F;&#x017F;en.<lb/>
Es i&#x017F;t wie der Unter&#x017F;chied eines &#x017F;achten und eines vollen Auftretens: dort<lb/>
geht das Empfinden lei&#x017F;e, als fürchtete es, mit der vollen Geltung &#x017F;einer<lb/>
Lichter und Schatten die Energie des Ich zu wecken; es i&#x017F;t eine Stimmung<lb/>
wie die des Mondlichts, wo wir im Ver&#x017F;chwimmen der Umri&#x017F;&#x017F;e alles Leben<lb/>
gedämpft, dem Loo&#x017F;e des Vergehens hingegeben fühlen; hier dagegen wagt<lb/>
die Empfindung &#x017F;ich in den vollen Tag heraus, tritt ent&#x017F;chlo&#x017F;&#x017F;en auf, fühlt<lb/>
das Leben als kräftige und berechtigte Gegenwart, ent&#x017F;cheidet das Unent-<lb/>
&#x017F;chiedene und will &#x017F;ich in Alles und Jedes mit ungetheilter Klarheit und<lb/>
Fülle legen. Jene Verhüllung bringt allerdings immer einen elegi&#x017F;chen<lb/>
Zug mit &#x017F;ich, aber der&#x017F;elbe &#x017F;chließt das Heitere nicht aus, &#x017F;ondern dämpft<lb/>
es nur, und umgekehrt &#x017F;cheut die&#x017F;e Lüftung der Hülle nicht die Trauer,<lb/>
&#x017F;ondern gibt &#x017F;ich ihr hin wie ein Gemüth, das dem Schmerze &#x017F;ein volles<lb/>
Recht einräumen <hi rendition="#g">will</hi>. &#x2014; Die dritte Unter&#x017F;cheidung des §. bezieht &#x017F;ich<lb/>
auf das, was in der Mu&#x017F;ik Klangfarbe heißt. Auch die&#x017F;e Modification<lb/>
muß &#x017F;chon in der Gefühlslehre aufgeführt werden, denn der Mu&#x017F;iker ergreift<lb/>
nicht ver&#x017F;chiedene In&#x017F;trumente, um &#x017F;ich über ihren ver&#x017F;chiedenen Gefühls-<lb/>
ausdruck zu verwundern, &#x017F;ondern wählt zwi&#x017F;chen ihnen, weil er für die<lb/>
eine Empfindungswei&#x017F;e jenes, für die andere die&#x017F;es ent&#x017F;prechend findet. Es<lb/>
i&#x017F;t &#x017F;chon früher auf die land&#x017F;chaftliche Empfindung in der Malerei hinge-<lb/>
wie&#x017F;en worden, mit welcher ja das Subjective, der Mu&#x017F;ik Verwandte &#x017F;o<lb/>
fühlbar in die&#x017F;er Kun&#x017F;t hervortritt; hier findet dieß nähere Anwendung:<lb/>
wir haben für das Gefühl, das die Localtöne und der Hauptton in der<lb/>
Land&#x017F;chaft, die Producte eines Zu&#x017F;ammenwirkens der allgemeinen Medien<lb/></hi> </p>
            </div>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[802/0040] erſt ein, wenn er ſich ſucceſſiv in einem Anſchwellen und Abſchwellen ent- faltet, aber er iſt zuerſt für ſich in ſeiner getrennten Beſtimmtheit hinzu- ſtellen. Es liegt im Weſen des Gefühls, daß es ſich jetzt mit voller Kraft in den Moment ſtürzt, jetzt ſeine Maſſe bricht, vertheilt, leichter, ſchweben- der, ſanfter auftritt bis zur hinſchwindenden Auflöſung, zum Verhauchen und Sterben. Die ſtärkere Intenſität wird meiſt den Uebergang in den volleren Affect bezeichnen, ein Hereinbrechen nach der Seite des Willens hin, der zartere Gang iſt mehr reines Gefühl, das in ſich bleibt und ſeine Schönheit genießt. — Weiter iſt in die Gefühlslehre auch das heraufzu- nehmen, was in der Muſik Dur und Moll heißt: ein neuer, eigenthümlicher Stimmungs-Dualiſmus, der ſich durch alle andern Unterſchiede hindurch- zieht. Er fällt keineswegs mit dem Grundgegenſatze der Luſt und Unluſt zuſammen. Dur iſt nicht nothwendig heiter, Moll nicht traurig, wehmüthig; auch hart und weich, wovon der muſikaliſche Name gebildet iſt, bezeichnet nicht richtig. Wir haben Stimmungen, wo es uns iſt, als fühlen wir Alles nur gedämpft, nur wie durch einen halb verhüllenden Flor, das Heitere ſowohl, als das Ernſte; wir haben andere, wo wir dieſen Schleier lüften und die Welt mit kraftvoller Entſchiedenheit auf uns wirken laſſen. Es iſt wie der Unterſchied eines ſachten und eines vollen Auftretens: dort geht das Empfinden leiſe, als fürchtete es, mit der vollen Geltung ſeiner Lichter und Schatten die Energie des Ich zu wecken; es iſt eine Stimmung wie die des Mondlichts, wo wir im Verſchwimmen der Umriſſe alles Leben gedämpft, dem Looſe des Vergehens hingegeben fühlen; hier dagegen wagt die Empfindung ſich in den vollen Tag heraus, tritt entſchloſſen auf, fühlt das Leben als kräftige und berechtigte Gegenwart, entſcheidet das Unent- ſchiedene und will ſich in Alles und Jedes mit ungetheilter Klarheit und Fülle legen. Jene Verhüllung bringt allerdings immer einen elegiſchen Zug mit ſich, aber derſelbe ſchließt das Heitere nicht aus, ſondern dämpft es nur, und umgekehrt ſcheut dieſe Lüftung der Hülle nicht die Trauer, ſondern gibt ſich ihr hin wie ein Gemüth, das dem Schmerze ſein volles Recht einräumen will. — Die dritte Unterſcheidung des §. bezieht ſich auf das, was in der Muſik Klangfarbe heißt. Auch dieſe Modification muß ſchon in der Gefühlslehre aufgeführt werden, denn der Muſiker ergreift nicht verſchiedene Inſtrumente, um ſich über ihren verſchiedenen Gefühls- ausdruck zu verwundern, ſondern wählt zwiſchen ihnen, weil er für die eine Empfindungsweiſe jenes, für die andere dieſes entſprechend findet. Es iſt ſchon früher auf die landſchaftliche Empfindung in der Malerei hinge- wieſen worden, mit welcher ja das Subjective, der Muſik Verwandte ſo fühlbar in dieſer Kunſt hervortritt; hier findet dieß nähere Anwendung: wir haben für das Gefühl, das die Localtöne und der Hauptton in der Landſchaft, die Producte eines Zuſammenwirkens der allgemeinen Medien

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/vischer_aesthetik030204_1857
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/vischer_aesthetik030204_1857/40
Zitationshilfe: Vischer, Friedrich Theodor von: Ästhetik oder Wissenschaft des Schönen. Bd. 3,2,4. Stuttgart, 1857, S. 802. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/vischer_aesthetik030204_1857/40>, abgerufen am 21.02.2024.