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Vischer, Friedrich Theodor von: Ästhetik oder Wissenschaft des Schönen. Bd. 3,2,4. Stuttgart, 1857.

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§. 756.

Der Lebenslauf einer Stimmung, wie sie in dieser neuen Verwendung ihrer
qualitativen Erregungsmomente sich entfaltet, wird die Gesetze der Entwicklung
und des Umlaufs alles Lebens darstellen: ein Ansteigen und Fallen, sich Spannen
und Lösen, Verwandtes mit Verwandtem binden, starke und milde Contraste
Setzen und Versöhnen, sich in mehrere Strömungen Spalten, neue Quellen Auf-
nehmen, sich wieder Sammeln, schließlich befriedigt in sich Zurückkehren und
Ausathmen. In dieser Strömung ist es, wo das Gefühl an die Welt der auf
klarer Unterscheidung ruhenden Geistesformen vernehmbar anschwillt, ohne die
Grenze zu überschreiten.

Die Erörterung des Rhythmus im höheren Sinne des Worts behalten
wir nicht deßwegen der Betrachtung der Composition vor, weil hier die
Aufsuchung der innern Quellen dessen, was sich in der Kunstform niederlegt,
besonders schwierig wäre, im Gegentheil hier ist ungleich mehr Licht, als
in den getrennten einzelnen Gängen der bisherigen Untersuchung. Schon
in der allgemeinen Kunstlehre, wo wir den Begriff der Composition über-
haupt behandelten, §. 494--501, mußte überall auf die Musik hingewiesen
werden, in welcher Alles, was wir Rhythmus in der tieferen Bedeutung
nennen, seinen bestimmtesten Ausdruck findet und welche ebendaher auch
den Namen dafür hergibt. Das Gefühlsleben als ein wesentlich und nur
Bewegtes, Strömendes enthüllt uns am ungetheiltesten das organische
Bewegungsleben in aller Kunst. Gerade aber, weil hier weniger Dunkel
ist, dürfen wir es vorerst an den im §. aufgestellten Momenten genügen
lassen und die nähere Beleuchtung dem Orte vorbehalten, wo es sich bereits
von der Kunstform handelt. --

Der zweite Theil weist auf §. 749 zurück, wo gezeigt ist, wie die Welt
des Bewußtseins und aller bestimmten Thätigkeiten, die auf ihm ruhen,
hiemit über die Welt der Objecte unmittelbar an der Schwelle des Gefühls
zu lauschen scheinen. Dieß zeigt sich nun in den rhythmischen Strömungen,
welche in der Melodie ihren Ausdruck finden. Deutlich meint man aus
dem anschwellenden Sturme der Töne den Affect zu vernehmen, wie er
zum Entschluß, zur That sich steigert, ja man meint ein Object seiner
Sehnsucht, seines Zorns sich vorstellen zu müssen, was wir lieben und
hassen, taucht in uns auf; aber auch der denkende Geist glaubt sich wieder-
zufinden: es klingt wie Frage, wie banger Zweifel, wie Antwort und
gefundene Lichtgedanken oder dunkler Abgrund, vor dem die Fragen unge-
löst hinsinken; wie eine entdeckte Wahrheit, die wiederholt, belegt, erläutert
wird. Wie sich diese bestimmten Geistesformen auf die verschiedenen Er-
streckungen der Zeit beziehen, so glauben wir jetzt wehmüthig zurückzublicken,

Vischer's Aesthetik. 4. Band. 53
§. 756.

Der Lebenslauf einer Stimmung, wie ſie in dieſer neuen Verwendung ihrer
qualitativen Erregungsmomente ſich entfaltet, wird die Geſetze der Entwicklung
und des Umlaufs alles Lebens darſtellen: ein Anſteigen und Fallen, ſich Spannen
und Löſen, Verwandtes mit Verwandtem binden, ſtarke und milde Contraſte
Setzen und Verſöhnen, ſich in mehrere Strömungen Spalten, neue Quellen Auf-
nehmen, ſich wieder Sammeln, ſchließlich befriedigt in ſich Zurückkehren und
Ausathmen. In dieſer Strömung iſt es, wo das Gefühl an die Welt der auf
klarer Unterſcheidung ruhenden Geiſtesformen vernehmbar anſchwillt, ohne die
Grenze zu überſchreiten.

Die Erörterung des Rhythmus im höheren Sinne des Worts behalten
wir nicht deßwegen der Betrachtung der Compoſition vor, weil hier die
Aufſuchung der innern Quellen deſſen, was ſich in der Kunſtform niederlegt,
beſonders ſchwierig wäre, im Gegentheil hier iſt ungleich mehr Licht, als
in den getrennten einzelnen Gängen der bisherigen Unterſuchung. Schon
in der allgemeinen Kunſtlehre, wo wir den Begriff der Compoſition über-
haupt behandelten, §. 494—501, mußte überall auf die Muſik hingewieſen
werden, in welcher Alles, was wir Rhythmus in der tieferen Bedeutung
nennen, ſeinen beſtimmteſten Ausdruck findet und welche ebendaher auch
den Namen dafür hergibt. Das Gefühlsleben als ein weſentlich und nur
Bewegtes, Strömendes enthüllt uns am ungetheilteſten das organiſche
Bewegungsleben in aller Kunſt. Gerade aber, weil hier weniger Dunkel
iſt, dürfen wir es vorerſt an den im §. aufgeſtellten Momenten genügen
laſſen und die nähere Beleuchtung dem Orte vorbehalten, wo es ſich bereits
von der Kunſtform handelt. —

Der zweite Theil weist auf §. 749 zurück, wo gezeigt iſt, wie die Welt
des Bewußtſeins und aller beſtimmten Thätigkeiten, die auf ihm ruhen,
hiemit über die Welt der Objecte unmittelbar an der Schwelle des Gefühls
zu lauſchen ſcheinen. Dieß zeigt ſich nun in den rhythmiſchen Strömungen,
welche in der Melodie ihren Ausdruck finden. Deutlich meint man aus
dem anſchwellenden Sturme der Töne den Affect zu vernehmen, wie er
zum Entſchluß, zur That ſich ſteigert, ja man meint ein Object ſeiner
Sehnſucht, ſeines Zorns ſich vorſtellen zu müſſen, was wir lieben und
haſſen, taucht in uns auf; aber auch der denkende Geiſt glaubt ſich wieder-
zufinden: es klingt wie Frage, wie banger Zweifel, wie Antwort und
gefundene Lichtgedanken oder dunkler Abgrund, vor dem die Fragen unge-
löst hinſinken; wie eine entdeckte Wahrheit, die wiederholt, belegt, erläutert
wird. Wie ſich dieſe beſtimmten Geiſtesformen auf die verſchiedenen Er-
ſtreckungen der Zeit beziehen, ſo glauben wir jetzt wehmüthig zurückzublicken,

Viſcher’s Aeſthetik. 4. Band. 53
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[807/0045] §. 756. Der Lebenslauf einer Stimmung, wie ſie in dieſer neuen Verwendung ihrer qualitativen Erregungsmomente ſich entfaltet, wird die Geſetze der Entwicklung und des Umlaufs alles Lebens darſtellen: ein Anſteigen und Fallen, ſich Spannen und Löſen, Verwandtes mit Verwandtem binden, ſtarke und milde Contraſte Setzen und Verſöhnen, ſich in mehrere Strömungen Spalten, neue Quellen Auf- nehmen, ſich wieder Sammeln, ſchließlich befriedigt in ſich Zurückkehren und Ausathmen. In dieſer Strömung iſt es, wo das Gefühl an die Welt der auf klarer Unterſcheidung ruhenden Geiſtesformen vernehmbar anſchwillt, ohne die Grenze zu überſchreiten. Die Erörterung des Rhythmus im höheren Sinne des Worts behalten wir nicht deßwegen der Betrachtung der Compoſition vor, weil hier die Aufſuchung der innern Quellen deſſen, was ſich in der Kunſtform niederlegt, beſonders ſchwierig wäre, im Gegentheil hier iſt ungleich mehr Licht, als in den getrennten einzelnen Gängen der bisherigen Unterſuchung. Schon in der allgemeinen Kunſtlehre, wo wir den Begriff der Compoſition über- haupt behandelten, §. 494—501, mußte überall auf die Muſik hingewieſen werden, in welcher Alles, was wir Rhythmus in der tieferen Bedeutung nennen, ſeinen beſtimmteſten Ausdruck findet und welche ebendaher auch den Namen dafür hergibt. Das Gefühlsleben als ein weſentlich und nur Bewegtes, Strömendes enthüllt uns am ungetheilteſten das organiſche Bewegungsleben in aller Kunſt. Gerade aber, weil hier weniger Dunkel iſt, dürfen wir es vorerſt an den im §. aufgeſtellten Momenten genügen laſſen und die nähere Beleuchtung dem Orte vorbehalten, wo es ſich bereits von der Kunſtform handelt. — Der zweite Theil weist auf §. 749 zurück, wo gezeigt iſt, wie die Welt des Bewußtſeins und aller beſtimmten Thätigkeiten, die auf ihm ruhen, hiemit über die Welt der Objecte unmittelbar an der Schwelle des Gefühls zu lauſchen ſcheinen. Dieß zeigt ſich nun in den rhythmiſchen Strömungen, welche in der Melodie ihren Ausdruck finden. Deutlich meint man aus dem anſchwellenden Sturme der Töne den Affect zu vernehmen, wie er zum Entſchluß, zur That ſich ſteigert, ja man meint ein Object ſeiner Sehnſucht, ſeines Zorns ſich vorſtellen zu müſſen, was wir lieben und haſſen, taucht in uns auf; aber auch der denkende Geiſt glaubt ſich wieder- zufinden: es klingt wie Frage, wie banger Zweifel, wie Antwort und gefundene Lichtgedanken oder dunkler Abgrund, vor dem die Fragen unge- löst hinſinken; wie eine entdeckte Wahrheit, die wiederholt, belegt, erläutert wird. Wie ſich dieſe beſtimmten Geiſtesformen auf die verſchiedenen Er- ſtreckungen der Zeit beziehen, ſo glauben wir jetzt wehmüthig zurückzublicken, Viſcher’s Aeſthetik. 4. Band. 53

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Zitationshilfe: Vischer, Friedrich Theodor von: Ästhetik oder Wissenschaft des Schönen. Bd. 3,2,4. Stuttgart, 1857, S. 807. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/vischer_aesthetik030204_1857/45>, abgerufen am 26.02.2021.