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Wagner, Heinrich Leopold: Die Kindermörderinn. Leipzig, 1776.

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Sechster Akt.


(Zimmer der Frau Marthan, im Hintergrund ein arm-
seliges Bett ohne Vorhäng: Frau Marthan
biegelt, und legt Stück vor Stück, wie sies fertig
bringt, in einem Korb zusammen; Evchen sitzt am
Bette, hat ihr Kind auf dem Arm, es schreyt.)
Evchen. Armes, armes Kind! -- nein, länger
ertrag ichs nicht. -- (legts aufs Bett.) O liebe
Frau Marthan! -- ich bitt sie um Gottswillen,
nur ein einziges halbes Weißbrod, nur ein Vier-
tel! schaff sie mir, und ein paar Löffel Milch, daß
ich dem unschuldigen Tröpfchen ein Bißel Brey
koche.
Fr. Marthan. Woher nehmen und nicht steh-
len? wenn sie mich auf den Kopf stellt, so fällt
kein Heller heraus -- Sie weiß ja selbst, daß ich
heut meine letzten Pfennige zusammengescharrt hab,
um das Laibchen Kommißbrod zu kaufen.
Evchen. Heyland der Welt! -- so solls denn
verschmachten!
Fr. Marthan. Gib sie ihm zu trinken.
Evchen. Wenn ich was hätte! -- es ist alles
vertrocknet, kein Tropfen herauszupressen! mein
Kummer hat alles aufgezehrt. -- (geht vom Bett weg.)
Kann den Jammer nicht ansehn, sonst werd ich
noch rasend.
Fr.


Sechſter Akt.


(Zimmer der Frau Marthan, im Hintergrund ein arm-
ſeliges Bett ohne Vorhaͤng: Frau Marthan
biegelt, und legt Stuͤck vor Stuͤck, wie ſies fertig
bringt, in einem Korb zuſammen; Evchen ſitzt am
Bette, hat ihr Kind auf dem Arm, es ſchreyt.)
Evchen. Armes, armes Kind! — nein, laͤnger
ertrag ichs nicht. — (legts aufs Bett.) O liebe
Frau Marthan! — ich bitt ſie um Gottswillen,
nur ein einziges halbes Weißbrod, nur ein Vier-
tel! ſchaff ſie mir, und ein paar Loͤffel Milch, daß
ich dem unſchuldigen Troͤpfchen ein Bißel Brey
koche.
Fr. Marthan. Woher nehmen und nicht ſteh-
len? wenn ſie mich auf den Kopf ſtellt, ſo faͤllt
kein Heller heraus — Sie weiß ja ſelbſt, daß ich
heut meine letzten Pfennige zuſammengeſcharrt hab,
um das Laibchen Kommißbrod zu kaufen.
Evchen. Heyland der Welt! — ſo ſolls denn
verſchmachten!
Fr. Marthan. Gib ſie ihm zu trinken.
Evchen. Wenn ich was haͤtte! — es iſt alles
vertrocknet, kein Tropfen herauszupreſſen! mein
Kummer hat alles aufgezehrt. — (geht vom Bett weg.)
Kann den Jammer nicht anſehn, ſonſt werd ich
noch raſend.
Fr.
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[100/0102] Sechſter Akt. (Zimmer der Frau Marthan, im Hintergrund ein arm- ſeliges Bett ohne Vorhaͤng: Frau Marthan biegelt, und legt Stuͤck vor Stuͤck, wie ſies fertig bringt, in einem Korb zuſammen; Evchen ſitzt am Bette, hat ihr Kind auf dem Arm, es ſchreyt.) Evchen. Armes, armes Kind! — nein, laͤnger ertrag ichs nicht. — (legts aufs Bett.) O liebe Frau Marthan! — ich bitt ſie um Gottswillen, nur ein einziges halbes Weißbrod, nur ein Vier- tel! ſchaff ſie mir, und ein paar Loͤffel Milch, daß ich dem unſchuldigen Troͤpfchen ein Bißel Brey koche. Fr. Marthan. Woher nehmen und nicht ſteh- len? wenn ſie mich auf den Kopf ſtellt, ſo faͤllt kein Heller heraus — Sie weiß ja ſelbſt, daß ich heut meine letzten Pfennige zuſammengeſcharrt hab, um das Laibchen Kommißbrod zu kaufen. Evchen. Heyland der Welt! — ſo ſolls denn verſchmachten! Fr. Marthan. Gib ſie ihm zu trinken. Evchen. Wenn ich was haͤtte! — es iſt alles vertrocknet, kein Tropfen herauszupreſſen! mein Kummer hat alles aufgezehrt. — (geht vom Bett weg.) Kann den Jammer nicht anſehn, ſonſt werd ich noch raſend. Fr.

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Zitationshilfe: Wagner, Heinrich Leopold: Die Kindermörderinn. Leipzig, 1776, S. 100. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/wagner_kindermoerderin_1776/102>, abgerufen am 25.01.2021.