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[Zschokke, Heinrich]: Geister und Geisterseher oder Leben und frühes Ende eines Nekromantisten. Küstrin, 1789.

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Wilhelm Walter.
chen zu erreichen denn diese sind in seinen
Augen dem grösten Theile nach nur Mario-
netten auf der Bühne -- man zieht den Fa-
den, und sie bewegen sich! -- Jch kenne
Jhre dürftigen Umstände, mein Herr, und
eben deswegen bin ich so frei Jhnen diese
Rolle von Louisd'oren zum Geschenk anzu-
bieten; bedienen Sie sich derselben nach ihrer
Lage und ihren Bedürfnissen, ohne dabei den
Geber zu vergessen."

Der entzükkte Jüngling warf sich in eben
diesem Augenblikke dem Grosmüthigen zu
Füssen -- er dankte ihm tausendmal für sei-
ne Liebe und weinte. R** hob ihn aber sanft-
lächelnd auf; verbat sich ieden Dank, form-
te seinen Höker wieder, zog den entstellen-
den Graurok an, nam Waltern bei der Hand
und führte denselben aus dem Walde.

Unterwegs sprachen sie beide viel von
überirrdischer Lebensweisheit und Geisterun-
terwerfung -- Walter lernte aus diesem
Gespräche doppelt soviel, als er seit andert-
halb Jahren aus seinen Folianten gelernt hatte.

"Es


Wilhelm Walter.
chen zu erreichen denn dieſe ſind in ſeinen
Augen dem groͤſten Theile nach nur Mario-
netten auf der Buͤhne — man zieht den Fa-
den, und ſie bewegen ſich! — Jch kenne
Jhre duͤrftigen Umſtaͤnde, mein Herr, und
eben deswegen bin ich ſo frei Jhnen dieſe
Rolle von Louisd'oren zum Geſchenk anzu-
bieten; bedienen Sie ſich derſelben nach ihrer
Lage und ihren Beduͤrfniſſen, ohne dabei den
Geber zu vergeſſen.“

Der entzuͤkkte Juͤngling warf ſich in eben
dieſem Augenblikke dem Grosmuͤthigen zu
Fuͤſſen — er dankte ihm tauſendmal fuͤr ſei-
ne Liebe und weinte. R** hob ihn aber ſanft-
laͤchelnd auf; verbat ſich ieden Dank, form-
te ſeinen Hoͤker wieder, zog den entſtellen-
den Graurok an, nam Waltern bei der Hand
und fuͤhrte denſelben aus dem Walde.

Unterwegs ſprachen ſie beide viel von
uͤberirrdiſcher Lebensweisheit und Geiſterun-
terwerfung — Walter lernte aus dieſem
Geſpraͤche doppelt ſoviel, als er ſeit andert-
halb Jahren aus ſeinen Folianten gelernt hatte.

„Es
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[28/0031] Wilhelm Walter. chen zu erreichen denn dieſe ſind in ſeinen Augen dem groͤſten Theile nach nur Mario- netten auf der Buͤhne — man zieht den Fa- den, und ſie bewegen ſich! — Jch kenne Jhre duͤrftigen Umſtaͤnde, mein Herr, und eben deswegen bin ich ſo frei Jhnen dieſe Rolle von Louisd'oren zum Geſchenk anzu- bieten; bedienen Sie ſich derſelben nach ihrer Lage und ihren Beduͤrfniſſen, ohne dabei den Geber zu vergeſſen.“ Der entzuͤkkte Juͤngling warf ſich in eben dieſem Augenblikke dem Grosmuͤthigen zu Fuͤſſen — er dankte ihm tauſendmal fuͤr ſei- ne Liebe und weinte. R** hob ihn aber ſanft- laͤchelnd auf; verbat ſich ieden Dank, form- te ſeinen Hoͤker wieder, zog den entſtellen- den Graurok an, nam Waltern bei der Hand und fuͤhrte denſelben aus dem Walde. Unterwegs ſprachen ſie beide viel von uͤberirrdiſcher Lebensweisheit und Geiſterun- terwerfung — Walter lernte aus dieſem Geſpraͤche doppelt ſoviel, als er ſeit andert- halb Jahren aus ſeinen Folianten gelernt hatte. „Es

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Zitationshilfe: [Zschokke, Heinrich]: Geister und Geisterseher oder Leben und frühes Ende eines Nekromantisten. Küstrin, 1789, S. 28. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/zschokke_geister_1789/31>, abgerufen am 21.02.2024.