Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Hebbel, Friedrich: Maria Magdalene. Hamburg, 1844.

Bild:
<< vorherige Seite
Sechste Scene.
Klara.
(allein) Zu! Zu, mein Herz! Quetsch' Dich in
Dich ein, daß auch kein Blutstropfe mehr heraus
kann, der in den Adern das gefrierende Leben wieder
entzünden will. Da hatte sich wieder was, wie eine
Hoffnung in Dir aufgethan! Jetzt erst merk' ich's!

(lächelnd) Nein, darüber kann kein Mann weg! Und
wenn -- Könntest Du selbst darüber hinweg? Hät-
test Du den Muth eine Hand zu fassen, die --
Nein, nein, diesen schlechten Muth hättest Du nicht!
Du müßtest Dich selbst einriegeln in Deine Hülle,
wenn man Dir von außen die Thür öffnen wollte --
Du bist für ewig -- O, daß das aussetzt, daß
das nicht immer so fortbohrt, daß zuweilen ein Auf-
hören ist! Nur darum dauert's lange! Der Gequälte
glaubt auszuruhen, weil der Quäler einhalten muß,
um Odem zu schöpfen; es ist ein Aufathmen, wie
des Ertrinkenden auf den Wellen, wenn der Strudel,
der ihn hinunterzieht, ihn noch einmal wieder ausspeit,
um ihn gleich wieder auf's Neue zu fassen, er hat
Nichts davon, als den zwiefachen Todeskampf!

Sechſte Scene.
Klara.
(allein) Zu! Zu, mein Herz! Quetſch’ Dich in
Dich ein, daß auch kein Blutstropfe mehr heraus
kann, der in den Adern das gefrierende Leben wieder
entzünden will. Da hatte ſich wieder was, wie eine
Hoffnung in Dir aufgethan! Jetzt erſt merk’ ich’s!

(lächelnd) Nein, darüber kann kein Mann weg! Und
wenn — Könnteſt Du ſelbſt darüber hinweg? Hät-
teſt Du den Muth eine Hand zu faſſen, die —
Nein, nein, dieſen ſchlechten Muth hätteſt Du nicht!
Du müßteſt Dich ſelbſt einriegeln in Deine Hülle,
wenn man Dir von außen die Thür öffnen wollte —
Du biſt für ewig — O, daß das ausſetzt, daß
das nicht immer ſo fortbohrt, daß zuweilen ein Auf-
hören iſt! Nur darum dauert’s lange! Der Gequälte
glaubt auszuruhen, weil der Quäler einhalten muß,
um Odem zu ſchöpfen; es iſt ein Aufathmen, wie
des Ertrinkenden auf den Wellen, wenn der Strudel,
der ihn hinunterzieht, ihn noch einmal wieder ausſpeit,
um ihn gleich wieder auf’s Neue zu faſſen, er hat
Nichts davon, als den zwiefachen Todeskampf!

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <pb facs="#f0156" n="88"/>
        <div n="2">
          <head> <hi rendition="#b">Sech&#x017F;te Scene.</hi> </head><lb/>
          <sp who="#KLARA">
            <speaker><hi rendition="#g">Klara</hi>.</speaker><lb/>
            <stage>(allein)</stage>
            <p>Zu! Zu, mein Herz! Quet&#x017F;ch&#x2019; Dich in<lb/>
Dich ein, daß auch kein Blutstropfe mehr heraus<lb/>
kann, der in den Adern das gefrierende Leben wieder<lb/>
entzünden will. Da hatte &#x017F;ich wieder was, wie eine<lb/>
Hoffnung in Dir aufgethan! Jetzt er&#x017F;t merk&#x2019; ich&#x2019;s!</p><lb/>
            <stage>(lächelnd)</stage>
            <p>Nein, darüber kann kein Mann weg! Und<lb/>
wenn &#x2014; Könnte&#x017F;t Du &#x017F;elb&#x017F;t darüber hinweg? Hät-<lb/>
te&#x017F;t Du den Muth eine Hand zu fa&#x017F;&#x017F;en, die &#x2014;<lb/>
Nein, nein, die&#x017F;en &#x017F;chlechten Muth hätte&#x017F;t Du nicht!<lb/>
Du müßte&#x017F;t Dich &#x017F;elb&#x017F;t einriegeln in Deine Hülle,<lb/>
wenn man Dir von außen die Thür öffnen wollte &#x2014;<lb/>
Du bi&#x017F;t für ewig &#x2014; O, daß das aus&#x017F;etzt, daß<lb/>
das nicht immer &#x017F;o fortbohrt, daß zuweilen ein Auf-<lb/>
hören i&#x017F;t! Nur darum dauert&#x2019;s lange! Der Gequälte<lb/>
glaubt auszuruhen, weil der Quäler einhalten muß,<lb/>
um Odem zu &#x017F;chöpfen; es i&#x017F;t ein Aufathmen, wie<lb/>
des Ertrinkenden auf den Wellen, wenn der Strudel,<lb/>
der ihn hinunterzieht, ihn noch einmal wieder aus&#x017F;peit,<lb/>
um ihn gleich wieder auf&#x2019;s Neue zu fa&#x017F;&#x017F;en, er hat<lb/>
Nichts davon, als den zwiefachen Todeskampf!</p><lb/>
          </sp>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[88/0156] Sechſte Scene. Klara. (allein) Zu! Zu, mein Herz! Quetſch’ Dich in Dich ein, daß auch kein Blutstropfe mehr heraus kann, der in den Adern das gefrierende Leben wieder entzünden will. Da hatte ſich wieder was, wie eine Hoffnung in Dir aufgethan! Jetzt erſt merk’ ich’s! (lächelnd) Nein, darüber kann kein Mann weg! Und wenn — Könnteſt Du ſelbſt darüber hinweg? Hät- teſt Du den Muth eine Hand zu faſſen, die — Nein, nein, dieſen ſchlechten Muth hätteſt Du nicht! Du müßteſt Dich ſelbſt einriegeln in Deine Hülle, wenn man Dir von außen die Thür öffnen wollte — Du biſt für ewig — O, daß das ausſetzt, daß das nicht immer ſo fortbohrt, daß zuweilen ein Auf- hören iſt! Nur darum dauert’s lange! Der Gequälte glaubt auszuruhen, weil der Quäler einhalten muß, um Odem zu ſchöpfen; es iſt ein Aufathmen, wie des Ertrinkenden auf den Wellen, wenn der Strudel, der ihn hinunterzieht, ihn noch einmal wieder ausſpeit, um ihn gleich wieder auf’s Neue zu faſſen, er hat Nichts davon, als den zwiefachen Todeskampf!

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/hebbel_magdalene_1844
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/hebbel_magdalene_1844/156
Zitationshilfe: Hebbel, Friedrich: Maria Magdalene. Hamburg, 1844, S. 88. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/hebbel_magdalene_1844/156>, abgerufen am 07.04.2020.