Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Münter, Balthasar: Bekehrungsgeschichte des vormaligen Grafen [...] Johann Friederich Struensee. Kopenhagen, 1772.

Bild:
<< vorherige Seite


Er bat mich um einige Predigten von Cramer.
Zugleich möchte ich ihm doch den Messias mitbringen. Er
habe es mehr als einmahl versucht dieß Gedicht zu lesen,
aber nie Geschmack daran finden können. Ohne Zweifel
aber habe die Schuld an ihm gelegen, weil er sich mit den
Wahrheiten der Religion, auf die es gegründet sey, nicht
bekannt gemacht gehabt, sie auch nicht für wichtig gehal-
ten habe. Jtzt da er mehr Erkenntniß davon habe, und
ganz anders darüber denke, wolle er es doch wieder ver-
suchen, ob nicht auch Klopstock gute Empfindungen in
seiner Seele veranlassen würde.

Dreißigste Unterredung, den 21sten April.

So weit ich nun den Grafen Struensee beurtheilen
konnte, und ich sah ihn fast täglich, beobachtete ihn
sehr genau und verglich sein ganzes Verhalten mit seinen
Worten, glaubte ich mit ihm zufrieden seyn zu dürfen.
Wenigstens war ich gewiß, daß alle, die ihn vorhin ge-
kannt hatten, ihn sehr vortheilhaft verändert finden wür-
den, wenn sie ihn itzt sähen, und ich fand auch einige
seiner ehemaligen Freunde, die es für unglaublich hielten,
als ich ihnen seine gegenwärtige Gesinnung beschrieb. An
seiner Aufrichtigkeit gegen mich und die Wahrheit, fand
ich nicht die mindeste Ursache zu zweifeln. Jch konnte gar
keine Absicht entdecken, warum er mich hätte sollen hin-
tergehen wollen, die Verstellung war seinem Character
nicht gemäß, alle, die Gelegenheit hatten ihn zu sehen,
fanden ihn so wie ich ihn fand, es zweifelte fast niemand
daran, daß er würklich so wäre, wie er sich zeigte, und
ich war mirs bewußt, daß ich immer auf meiner Hut ge-
wesen wäre, mich nicht betrügen zu lassen. Vornemlich
war mir seine gegenwärtige Ruhe ein gar zu sicherer Be-
weis von den Würkungen der Religion auf sein Herz.
Jch zweifelte also gar nicht daran, daß ich durch die Gnade

Gottes


Er bat mich um einige Predigten von Cramer.
Zugleich moͤchte ich ihm doch den Meſſias mitbringen. Er
habe es mehr als einmahl verſucht dieß Gedicht zu leſen,
aber nie Geſchmack daran finden koͤnnen. Ohne Zweifel
aber habe die Schuld an ihm gelegen, weil er ſich mit den
Wahrheiten der Religion, auf die es gegruͤndet ſey, nicht
bekannt gemacht gehabt, ſie auch nicht fuͤr wichtig gehal-
ten habe. Jtzt da er mehr Erkenntniß davon habe, und
ganz anders daruͤber denke, wolle er es doch wieder ver-
ſuchen, ob nicht auch Klopſtock gute Empfindungen in
ſeiner Seele veranlaſſen wuͤrde.

Dreißigſte Unterredung, den 21ſten April.

So weit ich nun den Grafen Struenſee beurtheilen
konnte, und ich ſah ihn faſt taͤglich, beobachtete ihn
ſehr genau und verglich ſein ganzes Verhalten mit ſeinen
Worten, glaubte ich mit ihm zufrieden ſeyn zu duͤrfen.
Wenigſtens war ich gewiß, daß alle, die ihn vorhin ge-
kannt hatten, ihn ſehr vortheilhaft veraͤndert finden wuͤr-
den, wenn ſie ihn itzt ſaͤhen, und ich fand auch einige
ſeiner ehemaligen Freunde, die es fuͤr unglaublich hielten,
als ich ihnen ſeine gegenwaͤrtige Geſinnung beſchrieb. An
ſeiner Aufrichtigkeit gegen mich und die Wahrheit, fand
ich nicht die mindeſte Urſache zu zweifeln. Jch konnte gar
keine Abſicht entdecken, warum er mich haͤtte ſollen hin-
tergehen wollen, die Verſtellung war ſeinem Character
nicht gemaͤß, alle, die Gelegenheit hatten ihn zu ſehen,
fanden ihn ſo wie ich ihn fand, es zweifelte faſt niemand
daran, daß er wuͤrklich ſo waͤre, wie er ſich zeigte, und
ich war mirs bewußt, daß ich immer auf meiner Hut ge-
weſen waͤre, mich nicht betruͤgen zu laſſen. Vornemlich
war mir ſeine gegenwaͤrtige Ruhe ein gar zu ſicherer Be-
weis von den Wuͤrkungen der Religion auf ſein Herz.
Jch zweifelte alſo gar nicht daran, daß ich durch die Gnade

Gottes
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <pb facs="#f0249" n="237"/>
        <milestone rendition="#hr" unit="section"/><lb/>
        <p>Er bat mich um einige Predigten von Cramer.<lb/>
Zugleich mo&#x0364;chte ich ihm doch den Me&#x017F;&#x017F;ias mitbringen. Er<lb/>
habe es mehr als einmahl ver&#x017F;ucht dieß Gedicht zu le&#x017F;en,<lb/>
aber nie Ge&#x017F;chmack daran finden ko&#x0364;nnen. Ohne Zweifel<lb/>
aber habe die Schuld an ihm gelegen, weil er &#x017F;ich mit den<lb/>
Wahrheiten der Religion, auf die es gegru&#x0364;ndet &#x017F;ey, nicht<lb/>
bekannt gemacht gehabt, &#x017F;ie auch nicht fu&#x0364;r wichtig gehal-<lb/>
ten habe. Jtzt da er mehr Erkenntniß davon habe, und<lb/>
ganz anders daru&#x0364;ber denke, wolle er es doch wieder ver-<lb/>
&#x017F;uchen, ob nicht auch Klop&#x017F;tock gute Empfindungen in<lb/>
&#x017F;einer Seele veranla&#x017F;&#x017F;en wu&#x0364;rde.</p>
      </div><lb/>
      <div n="1">
        <head> <hi rendition="#b">Dreißig&#x017F;te Unterredung, den 21&#x017F;ten April.</hi> </head><lb/>
        <p><hi rendition="#in">S</hi>o weit ich nun den Grafen Struen&#x017F;ee beurtheilen<lb/>
konnte, und ich &#x017F;ah ihn fa&#x017F;t ta&#x0364;glich, beobachtete ihn<lb/>
&#x017F;ehr genau und verglich &#x017F;ein ganzes Verhalten mit &#x017F;einen<lb/>
Worten, glaubte ich mit ihm zufrieden &#x017F;eyn zu du&#x0364;rfen.<lb/>
Wenig&#x017F;tens war ich gewiß, daß alle, die ihn vorhin ge-<lb/>
kannt hatten, ihn &#x017F;ehr vortheilhaft vera&#x0364;ndert finden wu&#x0364;r-<lb/>
den, wenn &#x017F;ie ihn itzt &#x017F;a&#x0364;hen, und ich fand auch einige<lb/>
&#x017F;einer ehemaligen Freunde, die es fu&#x0364;r unglaublich hielten,<lb/>
als ich ihnen &#x017F;eine gegenwa&#x0364;rtige Ge&#x017F;innung be&#x017F;chrieb. An<lb/>
&#x017F;einer Aufrichtigkeit gegen mich und die Wahrheit, fand<lb/>
ich nicht die minde&#x017F;te Ur&#x017F;ache zu zweifeln. Jch konnte gar<lb/>
keine Ab&#x017F;icht entdecken, warum er mich ha&#x0364;tte &#x017F;ollen hin-<lb/>
tergehen wollen, die Ver&#x017F;tellung war &#x017F;einem Character<lb/>
nicht gema&#x0364;ß, alle, die Gelegenheit hatten ihn zu &#x017F;ehen,<lb/>
fanden ihn &#x017F;o wie ich ihn fand, es zweifelte fa&#x017F;t niemand<lb/>
daran, daß er wu&#x0364;rklich &#x017F;o wa&#x0364;re, wie er &#x017F;ich zeigte, und<lb/>
ich war mirs bewußt, daß ich immer auf meiner Hut ge-<lb/>
we&#x017F;en wa&#x0364;re, mich nicht betru&#x0364;gen zu la&#x017F;&#x017F;en. Vornemlich<lb/>
war mir &#x017F;eine gegenwa&#x0364;rtige Ruhe ein gar zu &#x017F;icherer Be-<lb/>
weis von den Wu&#x0364;rkungen der Religion auf &#x017F;ein Herz.<lb/>
Jch zweifelte al&#x017F;o gar nicht daran, daß ich durch die Gnade<lb/>
<fw place="bottom" type="catch">Gottes</fw><lb/></p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[237/0249] Er bat mich um einige Predigten von Cramer. Zugleich moͤchte ich ihm doch den Meſſias mitbringen. Er habe es mehr als einmahl verſucht dieß Gedicht zu leſen, aber nie Geſchmack daran finden koͤnnen. Ohne Zweifel aber habe die Schuld an ihm gelegen, weil er ſich mit den Wahrheiten der Religion, auf die es gegruͤndet ſey, nicht bekannt gemacht gehabt, ſie auch nicht fuͤr wichtig gehal- ten habe. Jtzt da er mehr Erkenntniß davon habe, und ganz anders daruͤber denke, wolle er es doch wieder ver- ſuchen, ob nicht auch Klopſtock gute Empfindungen in ſeiner Seele veranlaſſen wuͤrde. Dreißigſte Unterredung, den 21ſten April. So weit ich nun den Grafen Struenſee beurtheilen konnte, und ich ſah ihn faſt taͤglich, beobachtete ihn ſehr genau und verglich ſein ganzes Verhalten mit ſeinen Worten, glaubte ich mit ihm zufrieden ſeyn zu duͤrfen. Wenigſtens war ich gewiß, daß alle, die ihn vorhin ge- kannt hatten, ihn ſehr vortheilhaft veraͤndert finden wuͤr- den, wenn ſie ihn itzt ſaͤhen, und ich fand auch einige ſeiner ehemaligen Freunde, die es fuͤr unglaublich hielten, als ich ihnen ſeine gegenwaͤrtige Geſinnung beſchrieb. An ſeiner Aufrichtigkeit gegen mich und die Wahrheit, fand ich nicht die mindeſte Urſache zu zweifeln. Jch konnte gar keine Abſicht entdecken, warum er mich haͤtte ſollen hin- tergehen wollen, die Verſtellung war ſeinem Character nicht gemaͤß, alle, die Gelegenheit hatten ihn zu ſehen, fanden ihn ſo wie ich ihn fand, es zweifelte faſt niemand daran, daß er wuͤrklich ſo waͤre, wie er ſich zeigte, und ich war mirs bewußt, daß ich immer auf meiner Hut ge- weſen waͤre, mich nicht betruͤgen zu laſſen. Vornemlich war mir ſeine gegenwaͤrtige Ruhe ein gar zu ſicherer Be- weis von den Wuͤrkungen der Religion auf ſein Herz. Jch zweifelte alſo gar nicht daran, daß ich durch die Gnade Gottes

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/muenter_bekehren_1772
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/muenter_bekehren_1772/249
Zitationshilfe: Münter, Balthasar: Bekehrungsgeschichte des vormaligen Grafen [...] Johann Friederich Struensee. Kopenhagen, 1772, S. 237. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/muenter_bekehren_1772/249>, abgerufen am 20.10.2019.