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Arnim, Bettina von: Goethe's Briefwechsel mit einem Kinde. Bd. 2. Berlin, 1835.

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Adieu! vieles hole ich noch nach im böhmischen
Schloß Bukowan.

Bettine.
An Goethe.

Wie bequem ist's, wie lieblich an Dich zu denken,
unter diesem Dach von Tannen und Birken, die den
heißen Mittag in hoher Ferne halten. Die schweren
Tannzapfen glänzen und funkeln mit ihrem Harze, wie
tausend kleine Tagsterne, machen's droben nur noch hei-
ßer und hier unten kühler. Der blaue Himmel deckt
mein hohes enges Haus; ich messe rücklings seine Ferne
wie er unerreichbar scheint, doch trug mancher schon den
Himmel in der Brust; ist mir doch als hab auch ich ihn
in mir fest gehalten einen Augenblick, diesen weitgedehn-
ten über Berg und Thal hinziehenden: über alle Ströme,
Brücken; durch alle Felsen, Höhlen; über Stock und
Stein in einem Strich fort der Himmel über mir, bis
dort an dein Herz, da sinkt er mit mir zusammen.

Liegt es denn nur in der Jugend, daß sie so innig
wolle, was sie will? -- bist Du nicht so? -- begehrst

Adieu! vieles hole ich noch nach im böhmiſchen
Schloß Bukowan.

Bettine.
An Goethe.

Wie bequem iſt's, wie lieblich an Dich zu denken,
unter dieſem Dach von Tannen und Birken, die den
heißen Mittag in hoher Ferne halten. Die ſchweren
Tannzapfen glänzen und funkeln mit ihrem Harze, wie
tauſend kleine Tagſterne, machen's droben nur noch hei-
ßer und hier unten kühler. Der blaue Himmel deckt
mein hohes enges Haus; ich meſſe rücklings ſeine Ferne
wie er unerreichbar ſcheint, doch trug mancher ſchon den
Himmel in der Bruſt; iſt mir doch als hab auch ich ihn
in mir feſt gehalten einen Augenblick, dieſen weitgedehn-
ten über Berg und Thal hinziehenden: über alle Ströme,
Brücken; durch alle Felſen, Höhlen; über Stock und
Stein in einem Strich fort der Himmel über mir, bis
dort an dein Herz, da ſinkt er mit mir zuſammen.

Liegt es denn nur in der Jugend, daß ſie ſo innig
wolle, was ſie will? — biſt Du nicht ſo? — begehrſt

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[207/0217] Adieu! vieles hole ich noch nach im böhmiſchen Schloß Bukowan. Bettine. An Goethe. Bukowan im Praginer Kreis: Juli. Wie bequem iſt's, wie lieblich an Dich zu denken, unter dieſem Dach von Tannen und Birken, die den heißen Mittag in hoher Ferne halten. Die ſchweren Tannzapfen glänzen und funkeln mit ihrem Harze, wie tauſend kleine Tagſterne, machen's droben nur noch hei- ßer und hier unten kühler. Der blaue Himmel deckt mein hohes enges Haus; ich meſſe rücklings ſeine Ferne wie er unerreichbar ſcheint, doch trug mancher ſchon den Himmel in der Bruſt; iſt mir doch als hab auch ich ihn in mir feſt gehalten einen Augenblick, dieſen weitgedehn- ten über Berg und Thal hinziehenden: über alle Ströme, Brücken; durch alle Felſen, Höhlen; über Stock und Stein in einem Strich fort der Himmel über mir, bis dort an dein Herz, da ſinkt er mit mir zuſammen. Liegt es denn nur in der Jugend, daß ſie ſo innig wolle, was ſie will? — biſt Du nicht ſo? — begehrſt

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Zitationshilfe: Arnim, Bettina von: Goethe's Briefwechsel mit einem Kinde. Bd. 2. Berlin, 1835, S. 207. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/arnimb_goethe02_1835/217>, abgerufen am 01.03.2021.