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Goethe, Johann Wolfgang von: Faust. Eine Tragödie. Tübingen, 1808.

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Als Feuer, Wasser, Dolch und Gift;
Du bebst vor allem was nicht trifft,
Und was du nie verlierst das mußt du stets beweinen.

Den Göttern gleich' ich nicht! zu tief ist es gefühlt;
Dem Wurme gleich' ich, der den Staub durchwühlt;
Den, wie er sich im Staube nährend lebt,
Des Wandrers Tritt vernichtet und begräbt.

Ist es nicht Staub? was diese hohe Wand,
Aus hundert Fächern, mir verenget;
Der Trödel, der mit tausendfachem Tand,
In dieser Mottenwelt mich dränget?
Hier soll ich finden was mir fehlt?
Soll ich vielleicht in tausend Büchern lesen,
Daß überall die Menschen sich gequält,
Daß hie und da ein Glücklicher gewesen? --
Was grinsest du mir hohler Schädel her?
Als daß dein Hirn, wie meines, einst verwirret,
Den leichten Tag gesucht und in der Dämmrung schwer,
Mit Lust nach Wahrheit, jämmerlich geirret.
Ihr Instrumente freylich, spottet mein,
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Als Feuer, Waſſer, Dolch und Gift;
Du bebſt vor allem was nicht trifft,
Und was du nie verlierſt das mußt du ſtets beweinen.

Den Goͤttern gleich’ ich nicht! zu tief iſt es gefuͤhlt;
Dem Wurme gleich’ ich, der den Staub durchwuͤhlt;
Den, wie er ſich im Staube naͤhrend lebt,
Des Wandrers Tritt vernichtet und begraͤbt.

Iſt es nicht Staub? was dieſe hohe Wand,
Aus hundert Faͤchern, mir verenget;
Der Troͤdel, der mit tauſendfachem Tand,
In dieſer Mottenwelt mich draͤnget?
Hier ſoll ich finden was mir fehlt?
Soll ich vielleicht in tauſend Buͤchern leſen,
Daß uͤberall die Menſchen ſich gequaͤlt,
Daß hie und da ein Gluͤcklicher geweſen? —
Was grinſeſt du mir hohler Schaͤdel her?
Als daß dein Hirn, wie meines, einſt verwirret,
Den leichten Tag geſucht und in der Daͤmmrung ſchwer,
Mit Luſt nach Wahrheit, jaͤmmerlich geirret.
Ihr Inſtrumente freylich, ſpottet mein,
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[49/0055] Als Feuer, Waſſer, Dolch und Gift; Du bebſt vor allem was nicht trifft, Und was du nie verlierſt das mußt du ſtets beweinen. Den Goͤttern gleich’ ich nicht! zu tief iſt es gefuͤhlt; Dem Wurme gleich’ ich, der den Staub durchwuͤhlt; Den, wie er ſich im Staube naͤhrend lebt, Des Wandrers Tritt vernichtet und begraͤbt. Iſt es nicht Staub? was dieſe hohe Wand, Aus hundert Faͤchern, mir verenget; Der Troͤdel, der mit tauſendfachem Tand, In dieſer Mottenwelt mich draͤnget? Hier ſoll ich finden was mir fehlt? Soll ich vielleicht in tauſend Buͤchern leſen, Daß uͤberall die Menſchen ſich gequaͤlt, Daß hie und da ein Gluͤcklicher geweſen? — Was grinſeſt du mir hohler Schaͤdel her? Als daß dein Hirn, wie meines, einſt verwirret, Den leichten Tag geſucht und in der Daͤmmrung ſchwer, Mit Luſt nach Wahrheit, jaͤmmerlich geirret. Ihr Inſtrumente freylich, ſpottet mein, 4

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Zitationshilfe: Goethe, Johann Wolfgang von: Faust. Eine Tragödie. Tübingen, 1808, S. 49. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/goethe_faust01_1808/55>, abgerufen am 26.09.2021.