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Goethe, Johann Wolfgang von: Die Wahlverwandtschaften. Bd. 1. Tübingen, 1809.

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Siebentes Kapitel.

Indem nun Charlotte mit dem Haupt¬
mann eine gemeinsame Beschäftigung fand,
so war die Folge, daß sich Eduard mehr zu
Ottilien gesellte. Für sie sprach ohnehin seit
einiger Zeit eine stille freundliche Neigung in
seinem Herzen. Gegen Jedermann war sie
dienstfertig und zuvorkommend; daß sie es ge¬
gen ihn am meisten sey, das wollte seiner
Selbstliebe scheinen. Nun war keine Frage:
was für Speisen und wie er sie liebte, hatte
sie schon genau bemerkt; wieviel er Zucker
zum Thee zu nehmen pflegte, und was der¬
gleichen mehr ist, entging ihr nicht. Beson¬
ders war sie sorgfältig, alle Zugluft abzuweh¬
ren, gegen die er eine übertriebene Empfind¬

Siebentes Kapitel.

Indem nun Charlotte mit dem Haupt¬
mann eine gemeinſame Beſchaͤftigung fand,
ſo war die Folge, daß ſich Eduard mehr zu
Ottilien geſellte. Fuͤr ſie ſprach ohnehin ſeit
einiger Zeit eine ſtille freundliche Neigung in
ſeinem Herzen. Gegen Jedermann war ſie
dienſtfertig und zuvorkommend; daß ſie es ge¬
gen ihn am meiſten ſey, das wollte ſeiner
Selbſtliebe ſcheinen. Nun war keine Frage:
was fuͤr Speiſen und wie er ſie liebte, hatte
ſie ſchon genau bemerkt; wieviel er Zucker
zum Thee zu nehmen pflegte, und was der¬
gleichen mehr iſt, entging ihr nicht. Beſon¬
ders war ſie ſorgfaͤltig, alle Zugluft abzuweh¬
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[0129] Siebentes Kapitel. Indem nun Charlotte mit dem Haupt¬ mann eine gemeinſame Beſchaͤftigung fand, ſo war die Folge, daß ſich Eduard mehr zu Ottilien geſellte. Fuͤr ſie ſprach ohnehin ſeit einiger Zeit eine ſtille freundliche Neigung in ſeinem Herzen. Gegen Jedermann war ſie dienſtfertig und zuvorkommend; daß ſie es ge¬ gen ihn am meiſten ſey, das wollte ſeiner Selbſtliebe ſcheinen. Nun war keine Frage: was fuͤr Speiſen und wie er ſie liebte, hatte ſie ſchon genau bemerkt; wieviel er Zucker zum Thee zu nehmen pflegte, und was der¬ gleichen mehr iſt, entging ihr nicht. Beſon¬ ders war ſie ſorgfaͤltig, alle Zugluft abzuweh¬ ren, gegen die er eine uͤbertriebene Empfind¬

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Zitationshilfe: Goethe, Johann Wolfgang von: Die Wahlverwandtschaften. Bd. 1. Tübingen, 1809, S. . In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/goethe_wahlverw01_1809/129>, abgerufen am 19.08.2022.