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Die Grenzboten. Jg. 37, 1878, I. Semester. II. Band.

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Schrei aus Carmela's Brust. Mit einem Sprung stürzt sie auf den Lieutenant
zu, klammert sich mit übermenschlicher Kraft um seinen Leib, küßt ihn wüthend
ins Gesicht, auf den Hals, auf die Brust" -- und sinkt dann bewußtlos auf
den Boden, mit dem Kopf zu seinen Füßen. Sie ist gerettet. Sie hat er¬
kannt, daß ihre Liebe nicht einem Phantom von Uniform, sondern einem gleich¬
gestimmten Wesen von Fleisch und Blut gilt.

Die Psychiatriker unsrer Irrenanstalten mögen über diese seltsame Heilung
immerhin den Kopf schütteln. Auch Amicis hat sicherlich nicht die Absicht, ein
Patent darauf zu nehmen, Aber mehr als menschliche Wahrscheinlichkeit der
Charaktere und ihrer Handlungen und Stimmungen ist nie vom Dichter ver¬
langt worden, und diese ist hier in außerordentlich eindrucksvoller Weise vor¬
handen. --

Als einen Humoristen vom feinsten Gepräge, nach dem Muster jener alten
italienischen Klassiker, welche zuerst die Gattung der Novelle in die moderne
Literatur einführten, doch, im Gegensatz zu ihnen, ohne alles obscöne Beiwerk,
lernen wir in den folgenden drei Nummern des Bandes Enrieo Castelnuovo
kennen. Die Erzählungen sind den LÄ0ovo,t,i s voi-Weli entnommen, die er
t 872 in Florenz herausgegeben hat. Wir übergehen hier das feine Kabinets-
stück "Clarina's Staatsstreich", in dem die Tochter, die ihrem frühverwittweten
Vater, solange sie zurückdenken kann, Alles gewesen, ihn "unter die Haube" bringt,
da sie erkennt, daß er ihre Lehrerin liebt, und daß sie, die Tochter allein,
nicht mehr wie früher sein ganzes Herz ausfüllt. Wir übergehen die etwas
breite und unsrer Empfindung in der Pointe oder Moral der Geschichte nicht
ganz genügende, weil etwas gemeinplätzliche Sittenschilderung "Ein Sonnen¬
strahl." Aber wir weisen dafür mit freudigem Behagen hin auf die Humo¬
reske "der Schwager meiner Schwägerin". Selten ist der hohle Blaustrumpf
geistreicher persistirt worden als hier; selten hat die reine humane Weiblichkeit
im Gegensatz zum literarisch dilettirenden, weiblich eiteln Mannweib eine
schönere Charakterisirung erfahren, als in Heloise, der kaum der Kindheit ent¬
wachsenen jüngeren Schwester der Versfrevlerin. Aber diese Charakterzeichnung
der weiblichen Haupttypen umfaßt bei weitem noch nicht den ganzen Reiz dieser
kleinen Erzählung. Sie hieße ja sonst nicht "der Schwager meiner Schwägerin".
Dieser Schwager ist einer jener köstlichen Kleinstädter, die von ihrer Wichtig¬
keit und Unentbehrlichkeit durchdrungen sind. Der Unglückliche, den ein widriges
Geschick in die Kleinstadt führt, hat sofort Signor Meravigli auf den Fersen.
Er nöthigt ihn, einen ganzen Tag in dem kleinen Nest zu verweilen, er ver¬
anstaltet zu Ehren des Fremdlings ein Diner, bei dem natürlich alle Hono-
ratioren des Ortes geladen sind -- und was für Honoratioren, jeder Einzelne
von ihnen ein Juwel von köstlichster Individualität: von dem ungezogenen


Schrei aus Carmela's Brust. Mit einem Sprung stürzt sie auf den Lieutenant
zu, klammert sich mit übermenschlicher Kraft um seinen Leib, küßt ihn wüthend
ins Gesicht, auf den Hals, auf die Brust" — und sinkt dann bewußtlos auf
den Boden, mit dem Kopf zu seinen Füßen. Sie ist gerettet. Sie hat er¬
kannt, daß ihre Liebe nicht einem Phantom von Uniform, sondern einem gleich¬
gestimmten Wesen von Fleisch und Blut gilt.

Die Psychiatriker unsrer Irrenanstalten mögen über diese seltsame Heilung
immerhin den Kopf schütteln. Auch Amicis hat sicherlich nicht die Absicht, ein
Patent darauf zu nehmen, Aber mehr als menschliche Wahrscheinlichkeit der
Charaktere und ihrer Handlungen und Stimmungen ist nie vom Dichter ver¬
langt worden, und diese ist hier in außerordentlich eindrucksvoller Weise vor¬
handen. —

Als einen Humoristen vom feinsten Gepräge, nach dem Muster jener alten
italienischen Klassiker, welche zuerst die Gattung der Novelle in die moderne
Literatur einführten, doch, im Gegensatz zu ihnen, ohne alles obscöne Beiwerk,
lernen wir in den folgenden drei Nummern des Bandes Enrieo Castelnuovo
kennen. Die Erzählungen sind den LÄ0ovo,t,i s voi-Weli entnommen, die er
t 872 in Florenz herausgegeben hat. Wir übergehen hier das feine Kabinets-
stück „Clarina's Staatsstreich", in dem die Tochter, die ihrem frühverwittweten
Vater, solange sie zurückdenken kann, Alles gewesen, ihn „unter die Haube" bringt,
da sie erkennt, daß er ihre Lehrerin liebt, und daß sie, die Tochter allein,
nicht mehr wie früher sein ganzes Herz ausfüllt. Wir übergehen die etwas
breite und unsrer Empfindung in der Pointe oder Moral der Geschichte nicht
ganz genügende, weil etwas gemeinplätzliche Sittenschilderung „Ein Sonnen¬
strahl." Aber wir weisen dafür mit freudigem Behagen hin auf die Humo¬
reske „der Schwager meiner Schwägerin". Selten ist der hohle Blaustrumpf
geistreicher persistirt worden als hier; selten hat die reine humane Weiblichkeit
im Gegensatz zum literarisch dilettirenden, weiblich eiteln Mannweib eine
schönere Charakterisirung erfahren, als in Heloise, der kaum der Kindheit ent¬
wachsenen jüngeren Schwester der Versfrevlerin. Aber diese Charakterzeichnung
der weiblichen Haupttypen umfaßt bei weitem noch nicht den ganzen Reiz dieser
kleinen Erzählung. Sie hieße ja sonst nicht „der Schwager meiner Schwägerin".
Dieser Schwager ist einer jener köstlichen Kleinstädter, die von ihrer Wichtig¬
keit und Unentbehrlichkeit durchdrungen sind. Der Unglückliche, den ein widriges
Geschick in die Kleinstadt führt, hat sofort Signor Meravigli auf den Fersen.
Er nöthigt ihn, einen ganzen Tag in dem kleinen Nest zu verweilen, er ver¬
anstaltet zu Ehren des Fremdlings ein Diner, bei dem natürlich alle Hono-
ratioren des Ortes geladen sind — und was für Honoratioren, jeder Einzelne
von ihnen ein Juwel von köstlichster Individualität: von dem ungezogenen


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[0356] Schrei aus Carmela's Brust. Mit einem Sprung stürzt sie auf den Lieutenant zu, klammert sich mit übermenschlicher Kraft um seinen Leib, küßt ihn wüthend ins Gesicht, auf den Hals, auf die Brust" — und sinkt dann bewußtlos auf den Boden, mit dem Kopf zu seinen Füßen. Sie ist gerettet. Sie hat er¬ kannt, daß ihre Liebe nicht einem Phantom von Uniform, sondern einem gleich¬ gestimmten Wesen von Fleisch und Blut gilt. Die Psychiatriker unsrer Irrenanstalten mögen über diese seltsame Heilung immerhin den Kopf schütteln. Auch Amicis hat sicherlich nicht die Absicht, ein Patent darauf zu nehmen, Aber mehr als menschliche Wahrscheinlichkeit der Charaktere und ihrer Handlungen und Stimmungen ist nie vom Dichter ver¬ langt worden, und diese ist hier in außerordentlich eindrucksvoller Weise vor¬ handen. — Als einen Humoristen vom feinsten Gepräge, nach dem Muster jener alten italienischen Klassiker, welche zuerst die Gattung der Novelle in die moderne Literatur einführten, doch, im Gegensatz zu ihnen, ohne alles obscöne Beiwerk, lernen wir in den folgenden drei Nummern des Bandes Enrieo Castelnuovo kennen. Die Erzählungen sind den LÄ0ovo,t,i s voi-Weli entnommen, die er t 872 in Florenz herausgegeben hat. Wir übergehen hier das feine Kabinets- stück „Clarina's Staatsstreich", in dem die Tochter, die ihrem frühverwittweten Vater, solange sie zurückdenken kann, Alles gewesen, ihn „unter die Haube" bringt, da sie erkennt, daß er ihre Lehrerin liebt, und daß sie, die Tochter allein, nicht mehr wie früher sein ganzes Herz ausfüllt. Wir übergehen die etwas breite und unsrer Empfindung in der Pointe oder Moral der Geschichte nicht ganz genügende, weil etwas gemeinplätzliche Sittenschilderung „Ein Sonnen¬ strahl." Aber wir weisen dafür mit freudigem Behagen hin auf die Humo¬ reske „der Schwager meiner Schwägerin". Selten ist der hohle Blaustrumpf geistreicher persistirt worden als hier; selten hat die reine humane Weiblichkeit im Gegensatz zum literarisch dilettirenden, weiblich eiteln Mannweib eine schönere Charakterisirung erfahren, als in Heloise, der kaum der Kindheit ent¬ wachsenen jüngeren Schwester der Versfrevlerin. Aber diese Charakterzeichnung der weiblichen Haupttypen umfaßt bei weitem noch nicht den ganzen Reiz dieser kleinen Erzählung. Sie hieße ja sonst nicht „der Schwager meiner Schwägerin". Dieser Schwager ist einer jener köstlichen Kleinstädter, die von ihrer Wichtig¬ keit und Unentbehrlichkeit durchdrungen sind. Der Unglückliche, den ein widriges Geschick in die Kleinstadt führt, hat sofort Signor Meravigli auf den Fersen. Er nöthigt ihn, einen ganzen Tag in dem kleinen Nest zu verweilen, er ver¬ anstaltet zu Ehren des Fremdlings ein Diner, bei dem natürlich alle Hono- ratioren des Ortes geladen sind — und was für Honoratioren, jeder Einzelne von ihnen ein Juwel von köstlichster Individualität: von dem ungezogenen

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Zitationshilfe: Die Grenzboten. Jg. 37, 1878, I. Semester. II. Band, S. . In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/grenzboten_341827_157653/356>, abgerufen am 26.02.2024.