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Grimmelshausen, Hans Jakob Christoffel von: Continuatio des abentheurlichen Simplicissimi Oder Der Schluß desselben. Nürnberg, 1669.

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Das I. Capitel.

WAnn ihm jemand einbildet/ ich erzehle nur da-
rumb meinen Lebens-Lauff/ damit ich einem
und anderem die Zeit kürtzen: oder wie die
Schalcks-Narrn und Possen-Reisser zu thun pfle-
gen/ die Leut zum lachen bewögen möchte; so findet
sich derselbe weit betrogen! dann vie. lachen ist mir
selbst ein Eckel/ und wer die edle ohnwiederbringliche
Zeit vergeblich hinstreichen läst/ der verschwendet die
jenige Göttliche Gaab ohnnützlich/ die uns verliehen
wird/ unserer Seelen Hail in: und vermittelst der-
selbigen zuwürcken; Warumb solte ich dann zu sol-
cher eytelen Thorheit verholffen: und ohne Ursach
vergebens anderer Leut kurtzweiliger Rath seyn?
Gleichsamb als ob ich nicht wiste/ daß ich mich hier-
durch frembder Sünden theilhafftig machte mein
lieber Leser/ ich bedüncke mich gleichwohl zu solcher
[P]rofession umb etwas zugut zu seyn/ wer derowegen
einen Narren haben will/ der kaufft ihm zween so hat
er einen zum besten; daß ich aber zu zeiten etwas
possierlich auffziehe/ geschiehet der Zärthling halber/
die keine heilsame Pillulen können verschlucken/ sie
seyen dann zuvor überzuckert vnd vergült geschwei-
ge daß auch etwann die aller gravitetischte Männer/
wann sie lauter ernstliche Schrifften lesen sollen/ das
Buch ehender hinweg zulegen pflegen/ als ein an-
ders/ daß bey thnen bißweilen einen kleines Lächlen
herauß presset; Jch möchte vielleicht auch beschul-
digt werden/ ob gienge ich zuviel Satyrice drein, des-
sen bin ich aber gar nicht zuverdencken/ weil männig-
lich lieber gedultet/ daß die allgemeine Laster Genera-
li
ter durch gehechlet und gestrafft: als die aigne Untu-

genden
Das I. Capitel.

WAnn ihm jemand einbildet/ ich erzehle nur da-
rumb meinen Lebens-Lauff/ damit ich einem
und anderem die Zeit kuͤrtzen: oder wie die
Schalcks-Narꝛn und Poſſen-Reiſſer zu thun pfle-
gen/ die Leut zum lachen bewoͤgen moͤchte; ſo findet
ſich derſelbe weit betrogen! dann vie. lachen iſt mir
ſelbſt ein Eckel/ und wer die edle ohnwiederbringliche
Zeit vergeblich hinſtreichen laͤſt/ der verſchwendet die
jenige Goͤttliche Gaab ohnnuͤtzlich/ die uns verliehen
wird/ unſerer Seelen Hail in: und vermittelſt der-
ſelbigen zuwuͤrcken; Warumb ſolte ich dann zu ſol-
cher eytelen Thorheit verholffen: und ohne Urſach
vergebens anderer Leut kurtzweiliger Rath ſeyn?
Gleichſamb als ob ich nicht wiſte/ daß ich mich hier-
durch frembder Suͤnden theilhafftig machte mein
lieber Leſer/ ich beduͤncke mich gleichwohl zu ſolcher
[P]rofeſſion umb etwas zugut zu ſeyn/ wer derowegen
einen Narꝛen haben will/ der kaufft ihm zween ſo hat
er einen zum beſten; daß ich aber zu zeiten etwas
poſſierlich auffziehe/ geſchiehet der Zaͤrthling halber/
die keine heilſame Pillulen koͤnnen verſchlucken/ ſie
ſeyen dann zuvor uͤberzuckert vnd verguͤlt geſchwei-
ge daß auch etwann die aller gravitetiſchte Maͤnner/
wann ſie lauter ernſtliche Schrifften leſen ſollen/ das
Buch ehender hinweg zulegen pflegen/ als ein an-
ders/ daß bey thnen bißweilen einen kleines Laͤchlen
herauß preſſet; Jch moͤchte vielleicht auch beſchul-
digt werden/ ob gienge ich zuviel Satyricè drein, deſ-
ſen bin ich aber gar nicht zuverdencken/ weil maͤnnig-
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Zitationshilfe: Grimmelshausen, Hans Jakob Christoffel von: Continuatio des abentheurlichen Simplicissimi Oder Der Schluß desselben. Nürnberg, 1669, S. . In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/grimmelshausen_continuatio_1669/10>, abgerufen am 13.07.2024.