ben wir wirklich mehr Selbstlauter, als fünfe: weil diese fünfe mit verschiedener Höhe und Tie- fe, Länge und Kürze ausgedruckt werden. Daß wir nun nicht für diese Zwischenlaute neue Zeichen, wenigstens Unterscheidungen ha- ben; ist eine große Unvollkommenheit unsrer Orthographie, die unter allen mir bekannten Europäischen Sprachen die lezte und für ei- nen Lehrling die schwerste seyn dörfte. Wer wird Meer und mehr, Zehn, Zeen, Zähn, zä- he u. s. w. als Fremdling bestimmt finden? Was wir bei J zuviel an Zeichen haben, ist bei A und E zu wenig. -- Und brauchen wir Accente nicht noch immer, obgleich unsre Spra- che kurzsylbig und eintönig ist? Der Lächerli- che Fehler mit Ges-pen-stern, statt Ge- spenstern; mit verg-lich, statt ver-glich; mit Enter-benter, statt Ent-erbeter: ist doch bei Lehrlingen immer möglich, da er uns gebohrnen Deutschen manchmal in Gedanken und bei verzerrtem Druck, oder verzerrter Hand anwandeln kann. Bei vielen Wörtern ändert sich ja die Bedeutung selbst; z. E. Unterhalten (entretenir) und unterhalten (supposer), übersezzen (vertere) und i eber-
sezzen
ben wir wirklich mehr Selbſtlauter, als fuͤnfe: weil dieſe fuͤnfe mit verſchiedener Hoͤhe und Tie- fe, Laͤnge und Kuͤrze ausgedruckt werden. Daß wir nun nicht fuͤr dieſe Zwiſchenlaute neue Zeichen, wenigſtens Unterſcheidungen ha- ben; iſt eine große Unvollkommenheit unſrer Orthographie, die unter allen mir bekannten Europaͤiſchen Sprachen die lezte und fuͤr ei- nen Lehrling die ſchwerſte ſeyn doͤrfte. Wer wird Meer und mehr, Zehn, Zeen, Zaͤhn, zaͤ- he u. ſ. w. als Fremdling beſtimmt finden? Was wir bei J zuviel an Zeichen haben, iſt bei A und E zu wenig. — Und brauchen wir Accente nicht noch immer, obgleich unſre Spra- che kurzſylbig und eintoͤnig iſt? Der Laͤcherli- che Fehler mit Géſ-pen-ſtern, ſtatt Ge- ſpénſtern; mit vérg-lich, ſtatt ver-glìch; mit Enter-bẽter, ſtatt Ent-érbeter: iſt doch bei Lehrlingen immer moͤglich, da er uns gebohrnen Deutſchen manchmal in Gedanken und bei verzerrtem Druck, oder verzerrter Hand anwandeln kann. Bei vielen Woͤrtern aͤndert ſich ja die Bedeutung ſelbſt; z. E. Unterhálten (entreténir) und únterhalten (ſuppoſer), uͤberſézzen (vertere) und í eber-
ſezzen
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ben wir wirklich mehr Selbſtlauter, als fuͤnfe:
weil dieſe fuͤnfe mit verſchiedener Hoͤhe und Tie-
fe, Laͤnge und Kuͤrze ausgedruckt werden.
Daß wir nun nicht fuͤr dieſe Zwiſchenlaute
neue Zeichen, wenigſtens Unterſcheidungen ha-
ben; iſt eine große Unvollkommenheit unſrer
Orthographie, die unter allen mir bekannten
Europaͤiſchen Sprachen die lezte und fuͤr ei-
nen Lehrling die ſchwerſte ſeyn doͤrfte. Wer
wird Meer und mehr, Zehn, Zeen, Zaͤhn, zaͤ-
he u. ſ. w. als Fremdling beſtimmt finden?
Was wir bei J zuviel an Zeichen haben, iſt
bei A und E zu wenig. — Und brauchen wir
Accente nicht noch immer, obgleich unſre Spra-
che kurzſylbig und eintoͤnig iſt? Der Laͤcherli-
che Fehler mit Géſ-pen-ſtern, ſtatt Ge-
ſpénſtern; mit vérg-lich, ſtatt ver-glìch;
mit Enter-bẽter, ſtatt Ent-érbeter: iſt
doch bei Lehrlingen immer moͤglich, da er uns
gebohrnen Deutſchen manchmal in Gedanken
und bei verzerrtem Druck, oder verzerrter
Hand anwandeln kann. Bei vielen Woͤrtern
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Herder, Johann Gottfried von: Ueber die neuere Deutsche Litteratur. Bd. 1. Riga, 1767, S. 166. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/herder_litteratur01_1767/170>, abgerufen am 11.09.2024.
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