Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Klinger, Friedrich Maximilian: Fausts Leben, Thaten und Höllenfahrt. St. Petersburg, 1791.

Bild:
<< vorherige Seite
6.

Die Nacht senkte sich schwarz auf die
Erde. Faust stund vor dem grausenden An-
blick seines unglücklichen Sohns. Wahn-
sinn glühte in seinem Gehirne, und er rief
im wilden Tone der Verzweiflung:

"Teufel, laß mich diesen Unglücklichen
"begraben, entreiße mir dann das Leben,
"und ich will in die Hölle hinunterfahren,
"wo ich keinen Menschen im Fleische mehr
"sehen werde. Ich habe sie kennen gelernt,
"mir ekelt vor ihnen, vor ihrer Bestimmung,
"vor der Welt, und dem Leben. Die gute
"That zog unaussprechliches Weh auf mein
"Haupt, und ich hoffe, die bösen allein,
"sind zum Glück ausgeschlagen. So muß
"es seyn in dem tollen Sinn des Wirrwarrs
"auf Erden. Fördere mich hinunter, ich
"will ein Bewohner der Hölle werden, ich
"bin des Lichts müde, gegen welches ihre
"Dunkelheit vielleicht Tag ist."

Teufel. Nicht zu rasch! -- Faust, ich
sagte dir einst, du solltest das Stundenglas

deiner
6.

Die Nacht ſenkte ſich ſchwarz auf die
Erde. Fauſt ſtund vor dem grauſenden An-
blick ſeines ungluͤcklichen Sohns. Wahn-
ſinn gluͤhte in ſeinem Gehirne, und er rief
im wilden Tone der Verzweiflung:

„Teufel, laß mich dieſen Ungluͤcklichen
„begraben, entreiße mir dann das Leben,
„und ich will in die Hoͤlle hinunterfahren,
„wo ich keinen Menſchen im Fleiſche mehr
„ſehen werde. Ich habe ſie kennen gelernt,
„mir ekelt vor ihnen, vor ihrer Beſtimmung,
„vor der Welt, und dem Leben. Die gute
„That zog unausſprechliches Weh auf mein
„Haupt, und ich hoffe, die boͤſen allein,
„ſind zum Gluͤck ausgeſchlagen. So muß
„es ſeyn in dem tollen Sinn des Wirrwarrs
„auf Erden. Foͤrdere mich hinunter, ich
„will ein Bewohner der Hoͤlle werden, ich
„bin des Lichts muͤde, gegen welches ihre
„Dunkelheit vielleicht Tag iſt.“

Teufel. Nicht zu raſch! — Fauſt, ich
ſagte dir einſt, du ſollteſt das Stundenglas

deiner
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <pb facs="#f0387" n="376"/>
        <div n="2">
          <head>6.</head><lb/>
          <p>Die Nacht &#x017F;enkte &#x017F;ich &#x017F;chwarz auf die<lb/>
Erde. Fau&#x017F;t &#x017F;tund vor dem grau&#x017F;enden An-<lb/>
blick &#x017F;eines unglu&#x0364;cklichen Sohns. Wahn-<lb/>
&#x017F;inn glu&#x0364;hte in &#x017F;einem Gehirne, und er rief<lb/>
im wilden Tone der Verzweiflung:</p><lb/>
          <p>&#x201E;Teufel, laß mich die&#x017F;en Unglu&#x0364;cklichen<lb/>
&#x201E;begraben, entreiße mir dann das Leben,<lb/>
&#x201E;und ich will in die Ho&#x0364;lle hinunterfahren,<lb/>
&#x201E;wo ich keinen Men&#x017F;chen im Flei&#x017F;che mehr<lb/>
&#x201E;&#x017F;ehen werde. Ich habe &#x017F;ie kennen gelernt,<lb/>
&#x201E;mir ekelt vor ihnen, vor ihrer Be&#x017F;timmung,<lb/>
&#x201E;vor der Welt, und dem Leben. Die gute<lb/>
&#x201E;That zog unaus&#x017F;prechliches Weh auf mein<lb/>
&#x201E;Haupt, und ich hoffe, die bo&#x0364;&#x017F;en allein,<lb/>
&#x201E;&#x017F;ind zum Glu&#x0364;ck ausge&#x017F;chlagen. So muß<lb/>
&#x201E;es &#x017F;eyn in dem tollen Sinn des Wirrwarrs<lb/>
&#x201E;auf Erden. Fo&#x0364;rdere mich hinunter, ich<lb/>
&#x201E;will ein Bewohner der Ho&#x0364;lle werden, ich<lb/>
&#x201E;bin des Lichts mu&#x0364;de, gegen welches ihre<lb/>
&#x201E;Dunkelheit vielleicht Tag i&#x017F;t.&#x201C;</p><lb/>
          <p><hi rendition="#fr">Teufel.</hi> Nicht zu ra&#x017F;ch! &#x2014; Fau&#x017F;t, ich<lb/>
&#x017F;agte dir ein&#x017F;t, du &#x017F;ollte&#x017F;t das Stundenglas<lb/>
<fw place="bottom" type="catch">deiner</fw><lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[376/0387] 6. Die Nacht ſenkte ſich ſchwarz auf die Erde. Fauſt ſtund vor dem grauſenden An- blick ſeines ungluͤcklichen Sohns. Wahn- ſinn gluͤhte in ſeinem Gehirne, und er rief im wilden Tone der Verzweiflung: „Teufel, laß mich dieſen Ungluͤcklichen „begraben, entreiße mir dann das Leben, „und ich will in die Hoͤlle hinunterfahren, „wo ich keinen Menſchen im Fleiſche mehr „ſehen werde. Ich habe ſie kennen gelernt, „mir ekelt vor ihnen, vor ihrer Beſtimmung, „vor der Welt, und dem Leben. Die gute „That zog unausſprechliches Weh auf mein „Haupt, und ich hoffe, die boͤſen allein, „ſind zum Gluͤck ausgeſchlagen. So muß „es ſeyn in dem tollen Sinn des Wirrwarrs „auf Erden. Foͤrdere mich hinunter, ich „will ein Bewohner der Hoͤlle werden, ich „bin des Lichts muͤde, gegen welches ihre „Dunkelheit vielleicht Tag iſt.“ Teufel. Nicht zu raſch! — Fauſt, ich ſagte dir einſt, du ſollteſt das Stundenglas deiner

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/klinger_faust_1791
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/klinger_faust_1791/387
Zitationshilfe: Klinger, Friedrich Maximilian: Fausts Leben, Thaten und Höllenfahrt. St. Petersburg, 1791, S. 376. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/klinger_faust_1791/387>, abgerufen am 19.04.2021.