Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Möser, Justus: Patriotische Phantasien. Bd. 1. Berlin, 1775.

Bild:
<< vorherige Seite

Antw. an den Hn. Pastor Glidehaus etc.
Er selbst hat keine Pferde; und der Heuermann zu Hause
auch nicht. Beyde müssen also mit ihrer Bestellung so lange
warten, bis der Bauer fertig ist. Ob der Mann am Rade
oder in Holland sitzt, das ist dem Acker einerley. Einer Or-
ten kann er nur seyn; und so geht die Bestellung ihren Gang.
Vermuthlich aber dienet der Bauer dem Hollandsgänger, auf
dessen vollen Beutel er rechnet, besser als dem Heuermann,
der 13 Fl. 14 Stüber weniger einnimmt, als er ausgegeben
hat. Und wie viele Dienste muß der Heuermann, der zu
Hause ist, seinem Bauer in der Erndte und sonst thun, wofür
ihm nur ein großer Dank zu Theil wird?

Der einzige Vortheil des Heuermanns daheim gegen den
Hollandsgänger, wäre also wohl nur der Trost seiner Frauen,
die Gesundheit, und die bessere Kinderzucht. Das erste will
ich nicht beurtheilen. Meine Anmerkungen darüber möchten
satyrisch werden. Das andre wollen wir dahin, oder auf die
große Staatsrechnung stellen. Der Mann, der zu Hause
Wasser trinkt und nicht auskömmt, grämt sich vielleicht zu
Tode, indessen daß der Hollandsgänger sich zu Tode arbeitet:
und also auf dem Bette der Ehre stirbt. So viel aber die
Kinderzucht betrift, haben sie sich beyde so gar viel nicht vor-
zuwerfen. Des Sommers laufen beyderley Kinder, so bald
sie einen Stecken aufheben können, hinter den Kühen; und
wenn die Zeit dazu vorüber ist, jagt sie die Mutter in die
Schule; oder sie liegen beym Heerde, und das grössere war-
tet den kleinern. Die Mutter liegt im Garten oder auf dem
Lande zu arbeiten; der Vater ist auf Taglohn; und wenn die
Kinder des Hollandsgängers oder des einheimischen Taglöh-
ners nach Brod schreyen: so währet dieses so lange, bis sie
von selbst wieder aufhören, oder von der Mutter gestillet
werden.

XVIII.

Antw. an den Hn. Paſtor Glidehaus ꝛc.
Er ſelbſt hat keine Pferde; und der Heuermann zu Hauſe
auch nicht. Beyde muͤſſen alſo mit ihrer Beſtellung ſo lange
warten, bis der Bauer fertig iſt. Ob der Mann am Rade
oder in Holland ſitzt, das iſt dem Acker einerley. Einer Or-
ten kann er nur ſeyn; und ſo geht die Beſtellung ihren Gang.
Vermuthlich aber dienet der Bauer dem Hollandsgaͤnger, auf
deſſen vollen Beutel er rechnet, beſſer als dem Heuermann,
der 13 Fl. 14 Stuͤber weniger einnimmt, als er ausgegeben
hat. Und wie viele Dienſte muß der Heuermann, der zu
Hauſe iſt, ſeinem Bauer in der Erndte und ſonſt thun, wofuͤr
ihm nur ein großer Dank zu Theil wird?

Der einzige Vortheil des Heuermanns daheim gegen den
Hollandsgaͤnger, waͤre alſo wohl nur der Troſt ſeiner Frauen,
die Geſundheit, und die beſſere Kinderzucht. Das erſte will
ich nicht beurtheilen. Meine Anmerkungen daruͤber moͤchten
ſatyriſch werden. Das andre wollen wir dahin, oder auf die
große Staatsrechnung ſtellen. Der Mann, der zu Hauſe
Waſſer trinkt und nicht auskoͤmmt, graͤmt ſich vielleicht zu
Tode, indeſſen daß der Hollandsgaͤnger ſich zu Tode arbeitet:
und alſo auf dem Bette der Ehre ſtirbt. So viel aber die
Kinderzucht betrift, haben ſie ſich beyde ſo gar viel nicht vor-
zuwerfen. Des Sommers laufen beyderley Kinder, ſo bald
ſie einen Stecken aufheben koͤnnen, hinter den Kuͤhen; und
wenn die Zeit dazu voruͤber iſt, jagt ſie die Mutter in die
Schule; oder ſie liegen beym Heerde, und das groͤſſere war-
tet den kleinern. Die Mutter liegt im Garten oder auf dem
Lande zu arbeiten; der Vater iſt auf Taglohn; und wenn die
Kinder des Hollandsgaͤngers oder des einheimiſchen Tagloͤh-
ners nach Brod ſchreyen: ſo waͤhret dieſes ſo lange, bis ſie
von ſelbſt wieder aufhoͤren, oder von der Mutter geſtillet
werden.

XVIII.
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <p><pb facs="#f0132" n="114"/><fw place="top" type="header"><hi rendition="#b">Antw. an den Hn. Pa&#x017F;tor Glidehaus &#xA75B;c.</hi></fw><lb/>
Er &#x017F;elb&#x017F;t hat keine Pferde; und der Heuermann zu Hau&#x017F;e<lb/>
auch nicht. Beyde mu&#x0364;&#x017F;&#x017F;en al&#x017F;o mit ihrer Be&#x017F;tellung &#x017F;o lange<lb/>
warten, bis der Bauer fertig i&#x017F;t. Ob der Mann am Rade<lb/>
oder in Holland &#x017F;itzt, das i&#x017F;t dem Acker einerley. Einer Or-<lb/>
ten kann er nur &#x017F;eyn; und &#x017F;o geht die Be&#x017F;tellung ihren Gang.<lb/>
Vermuthlich aber dienet der Bauer dem Hollandsga&#x0364;nger, auf<lb/>
de&#x017F;&#x017F;en vollen Beutel er rechnet, be&#x017F;&#x017F;er als dem Heuermann,<lb/>
der 13 Fl. 14 Stu&#x0364;ber weniger einnimmt, als er ausgegeben<lb/>
hat. Und wie viele Dien&#x017F;te muß der Heuermann, der zu<lb/>
Hau&#x017F;e i&#x017F;t, &#x017F;einem Bauer in der Erndte und &#x017F;on&#x017F;t thun, wofu&#x0364;r<lb/>
ihm nur ein großer Dank zu Theil wird?</p><lb/>
        <p>Der einzige Vortheil des Heuermanns daheim gegen den<lb/>
Hollandsga&#x0364;nger, wa&#x0364;re al&#x017F;o wohl nur der Tro&#x017F;t &#x017F;einer Frauen,<lb/>
die Ge&#x017F;undheit, und die be&#x017F;&#x017F;ere Kinderzucht. Das er&#x017F;te will<lb/>
ich nicht beurtheilen. Meine Anmerkungen daru&#x0364;ber mo&#x0364;chten<lb/>
&#x017F;atyri&#x017F;ch werden. Das andre wollen wir dahin, oder auf die<lb/>
große Staatsrechnung &#x017F;tellen. Der Mann, der zu Hau&#x017F;e<lb/>
Wa&#x017F;&#x017F;er trinkt und nicht ausko&#x0364;mmt, gra&#x0364;mt &#x017F;ich vielleicht zu<lb/>
Tode, inde&#x017F;&#x017F;en daß der Hollandsga&#x0364;nger &#x017F;ich zu Tode arbeitet:<lb/>
und al&#x017F;o auf dem Bette der Ehre &#x017F;tirbt. So viel aber die<lb/>
Kinderzucht betrift, haben &#x017F;ie &#x017F;ich beyde &#x017F;o gar viel nicht vor-<lb/>
zuwerfen. Des Sommers laufen beyderley Kinder, &#x017F;o bald<lb/>
&#x017F;ie einen Stecken aufheben ko&#x0364;nnen, hinter den Ku&#x0364;hen; und<lb/>
wenn die Zeit dazu voru&#x0364;ber i&#x017F;t, jagt &#x017F;ie die Mutter in die<lb/>
Schule; oder &#x017F;ie liegen beym Heerde, und das gro&#x0364;&#x017F;&#x017F;ere war-<lb/>
tet den kleinern. Die Mutter liegt im Garten oder auf dem<lb/>
Lande zu arbeiten; der Vater i&#x017F;t auf Taglohn; und wenn die<lb/>
Kinder des Hollandsga&#x0364;ngers oder des einheimi&#x017F;chen Taglo&#x0364;h-<lb/>
ners nach Brod &#x017F;chreyen: &#x017F;o wa&#x0364;hret die&#x017F;es &#x017F;o lange, bis &#x017F;ie<lb/>
von &#x017F;elb&#x017F;t wieder aufho&#x0364;ren, oder von der Mutter ge&#x017F;tillet<lb/>
werden.</p>
      </div><lb/>
      <fw place="bottom" type="catch"> <hi rendition="#aq"> <hi rendition="#b">XVIII.</hi> </hi> </fw><lb/>
    </body>
  </text>
</TEI>
[114/0132] Antw. an den Hn. Paſtor Glidehaus ꝛc. Er ſelbſt hat keine Pferde; und der Heuermann zu Hauſe auch nicht. Beyde muͤſſen alſo mit ihrer Beſtellung ſo lange warten, bis der Bauer fertig iſt. Ob der Mann am Rade oder in Holland ſitzt, das iſt dem Acker einerley. Einer Or- ten kann er nur ſeyn; und ſo geht die Beſtellung ihren Gang. Vermuthlich aber dienet der Bauer dem Hollandsgaͤnger, auf deſſen vollen Beutel er rechnet, beſſer als dem Heuermann, der 13 Fl. 14 Stuͤber weniger einnimmt, als er ausgegeben hat. Und wie viele Dienſte muß der Heuermann, der zu Hauſe iſt, ſeinem Bauer in der Erndte und ſonſt thun, wofuͤr ihm nur ein großer Dank zu Theil wird? Der einzige Vortheil des Heuermanns daheim gegen den Hollandsgaͤnger, waͤre alſo wohl nur der Troſt ſeiner Frauen, die Geſundheit, und die beſſere Kinderzucht. Das erſte will ich nicht beurtheilen. Meine Anmerkungen daruͤber moͤchten ſatyriſch werden. Das andre wollen wir dahin, oder auf die große Staatsrechnung ſtellen. Der Mann, der zu Hauſe Waſſer trinkt und nicht auskoͤmmt, graͤmt ſich vielleicht zu Tode, indeſſen daß der Hollandsgaͤnger ſich zu Tode arbeitet: und alſo auf dem Bette der Ehre ſtirbt. So viel aber die Kinderzucht betrift, haben ſie ſich beyde ſo gar viel nicht vor- zuwerfen. Des Sommers laufen beyderley Kinder, ſo bald ſie einen Stecken aufheben koͤnnen, hinter den Kuͤhen; und wenn die Zeit dazu voruͤber iſt, jagt ſie die Mutter in die Schule; oder ſie liegen beym Heerde, und das groͤſſere war- tet den kleinern. Die Mutter liegt im Garten oder auf dem Lande zu arbeiten; der Vater iſt auf Taglohn; und wenn die Kinder des Hollandsgaͤngers oder des einheimiſchen Tagloͤh- ners nach Brod ſchreyen: ſo waͤhret dieſes ſo lange, bis ſie von ſelbſt wieder aufhoͤren, oder von der Mutter geſtillet werden. XVIII.

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/moeser_phantasien01_1775
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/moeser_phantasien01_1775/132
Zitationshilfe: Möser, Justus: Patriotische Phantasien. Bd. 1. Berlin, 1775, S. 114. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/moeser_phantasien01_1775/132>, abgerufen am 12.05.2021.