Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Möser, Justus: Patriotische Phantasien. Bd. 3. 2. Aufl. Berlin, 1778.

Bild:
<< vorherige Seite


LV.
Ein westphälisches Minnelied.

Die Mode dient einem Krämer oft eine alte Waare an
den Mann zu bringen. Mit dieser kleinen Ent-
schuldigung sey es mir erlaubt, ein altes westphälisches
Minnelied, welches ich unlängst auf dem pergamenen
Umschlage eines alten Registers entdeckt habe, dem Publi-
cum mitzutheilen. Denn daß jetzt die Mode der Minne-
lieder die Bardengesänge in Deutschland verdrungen haben,
wird jedem bekannt seyn, ob es gleich nicht so bekannt seyn
mag, daß unsre neuen Minnesänger eben nicht die Zeit er-
wählet haben, wo ihnen die Sitte der Nation, das hohe
Gefühl der Liebe und der Rittergeist die Vortheile verschaf-
fen wird, welche diese vereinten Umstände den alten Minne-
singern zu Anfang des dreyzehnten Jahrhunderts darboten.

Die Handschrift, woraus ich dieses Lied mittheile, ist
aus dem dreyzehnten Jahrhundert, und das Blatt worauf
es steht, hat zu einer Sammlung von Minneliedern ge-
hört, welche von der Maneßischen, die sich in der Königl.
Französischen Bibliothek No. 7266 befindet, und bisher
für die einzige in der Welt gehalten worden, ganz unter-
schieden ist. Ein Kenner wird gleich fühlen, daß es aus
dem ächten Zeitalter der deutschen Poesie sey, und ver-
muthlich ist es das einzige alte Lied das wir von einem
westphälischen Minnedichter noch übrig haben. Er verräth
sich durch gewisse Eigenheiten eben so wie Heinrich von Vel-
dig, den man an dem Verse
La mich wesen dyn und bis du myn
für einen Niedersachsen erkennet.

Twi-


LV.
Ein weſtphaͤliſches Minnelied.

Die Mode dient einem Kraͤmer oft eine alte Waare an
den Mann zu bringen. Mit dieſer kleinen Ent-
ſchuldigung ſey es mir erlaubt, ein altes weſtphaͤliſches
Minnelied, welches ich unlaͤngſt auf dem pergamenen
Umſchlage eines alten Regiſters entdeckt habe, dem Publi-
cum mitzutheilen. Denn daß jetzt die Mode der Minne-
lieder die Bardengeſaͤnge in Deutſchland verdrungen haben,
wird jedem bekannt ſeyn, ob es gleich nicht ſo bekannt ſeyn
mag, daß unſre neuen Minneſaͤnger eben nicht die Zeit er-
waͤhlet haben, wo ihnen die Sitte der Nation, das hohe
Gefuͤhl der Liebe und der Rittergeiſt die Vortheile verſchaf-
fen wird, welche dieſe vereinten Umſtaͤnde den alten Minne-
ſingern zu Anfang des dreyzehnten Jahrhunderts darboten.

Die Handſchrift, woraus ich dieſes Lied mittheile, iſt
aus dem dreyzehnten Jahrhundert, und das Blatt worauf
es ſteht, hat zu einer Sammlung von Minneliedern ge-
hoͤrt, welche von der Maneßiſchen, die ſich in der Koͤnigl.
Franzoͤſiſchen Bibliothek No. 7266 befindet, und bisher
fuͤr die einzige in der Welt gehalten worden, ganz unter-
ſchieden iſt. Ein Kenner wird gleich fuͤhlen, daß es aus
dem aͤchten Zeitalter der deutſchen Poeſie ſey, und ver-
muthlich iſt es das einzige alte Lied das wir von einem
weſtphaͤliſchen Minnedichter noch uͤbrig haben. Er verraͤth
ſich durch gewiſſe Eigenheiten eben ſo wie Heinrich von Vel-
dig, den man an dem Verſe
La mich weſen dyn und bis du myn
fuͤr einen Niederſachſen erkennet.

Twi-
<TEI>
  <text>
    <body>
      <pb facs="#f0254" n="240"/>
      <milestone rendition="#hr" unit="section"/><lb/>
      <div n="1">
        <head> <hi rendition="#b"><hi rendition="#aq">LV.</hi><lb/>
Ein we&#x017F;tpha&#x0364;li&#x017F;ches Minnelied.</hi> </head><lb/>
        <p>Die Mode dient einem Kra&#x0364;mer oft eine alte Waare an<lb/>
den Mann zu bringen. Mit die&#x017F;er kleinen Ent-<lb/>
&#x017F;chuldigung &#x017F;ey es mir erlaubt, ein altes we&#x017F;tpha&#x0364;li&#x017F;ches<lb/><hi rendition="#fr">Minnelied,</hi> welches ich unla&#x0364;ng&#x017F;t auf dem pergamenen<lb/>
Um&#x017F;chlage eines alten Regi&#x017F;ters entdeckt habe, dem Publi-<lb/>
cum mitzutheilen. Denn daß jetzt die Mode der Minne-<lb/>
lieder die Bardenge&#x017F;a&#x0364;nge in Deut&#x017F;chland verdrungen haben,<lb/>
wird jedem bekannt &#x017F;eyn, ob es gleich nicht &#x017F;o bekannt &#x017F;eyn<lb/>
mag, daß un&#x017F;re neuen Minne&#x017F;a&#x0364;nger eben nicht die Zeit er-<lb/>
wa&#x0364;hlet haben, wo ihnen die Sitte der Nation, das hohe<lb/>
Gefu&#x0364;hl der Liebe und der Rittergei&#x017F;t die Vortheile ver&#x017F;chaf-<lb/>
fen wird, welche die&#x017F;e vereinten Um&#x017F;ta&#x0364;nde den alten Minne-<lb/>
&#x017F;ingern zu Anfang des dreyzehnten Jahrhunderts darboten.</p><lb/>
        <p>Die Hand&#x017F;chrift, woraus ich die&#x017F;es Lied mittheile, i&#x017F;t<lb/>
aus dem dreyzehnten Jahrhundert, und das Blatt worauf<lb/>
es &#x017F;teht, hat zu einer Sammlung von Minneliedern ge-<lb/>
ho&#x0364;rt, welche von der <hi rendition="#fr">Maneßi&#x017F;chen,</hi> die &#x017F;ich in der Ko&#x0364;nigl.<lb/>
Franzo&#x0364;&#x017F;i&#x017F;chen Bibliothek <hi rendition="#aq">No.</hi> 7266 befindet, und bisher<lb/>
fu&#x0364;r die einzige in der Welt gehalten worden, ganz unter-<lb/>
&#x017F;chieden i&#x017F;t. Ein Kenner wird gleich fu&#x0364;hlen, daß es aus<lb/>
dem a&#x0364;chten Zeitalter der deut&#x017F;chen Poe&#x017F;ie &#x017F;ey, und ver-<lb/>
muthlich i&#x017F;t es das einzige alte Lied das wir von einem<lb/>
we&#x017F;tpha&#x0364;li&#x017F;chen Minnedichter noch u&#x0364;brig haben. Er verra&#x0364;th<lb/>
&#x017F;ich durch gewi&#x017F;&#x017F;e Eigenheiten eben &#x017F;o wie Heinrich von Vel-<lb/>
dig, den man an dem Ver&#x017F;e<lb/><cit><quote><hi rendition="#et"><hi rendition="#aq">La mich we&#x017F;en dyn und bis du myn</hi></hi></quote><bibl/></cit><lb/>
fu&#x0364;r einen Nieder&#x017F;ach&#x017F;en erkennet.</p><lb/>
        <fw place="bottom" type="catch"> <hi rendition="#aq">Twi-</hi> </fw><lb/>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[240/0254] LV. Ein weſtphaͤliſches Minnelied. Die Mode dient einem Kraͤmer oft eine alte Waare an den Mann zu bringen. Mit dieſer kleinen Ent- ſchuldigung ſey es mir erlaubt, ein altes weſtphaͤliſches Minnelied, welches ich unlaͤngſt auf dem pergamenen Umſchlage eines alten Regiſters entdeckt habe, dem Publi- cum mitzutheilen. Denn daß jetzt die Mode der Minne- lieder die Bardengeſaͤnge in Deutſchland verdrungen haben, wird jedem bekannt ſeyn, ob es gleich nicht ſo bekannt ſeyn mag, daß unſre neuen Minneſaͤnger eben nicht die Zeit er- waͤhlet haben, wo ihnen die Sitte der Nation, das hohe Gefuͤhl der Liebe und der Rittergeiſt die Vortheile verſchaf- fen wird, welche dieſe vereinten Umſtaͤnde den alten Minne- ſingern zu Anfang des dreyzehnten Jahrhunderts darboten. Die Handſchrift, woraus ich dieſes Lied mittheile, iſt aus dem dreyzehnten Jahrhundert, und das Blatt worauf es ſteht, hat zu einer Sammlung von Minneliedern ge- hoͤrt, welche von der Maneßiſchen, die ſich in der Koͤnigl. Franzoͤſiſchen Bibliothek No. 7266 befindet, und bisher fuͤr die einzige in der Welt gehalten worden, ganz unter- ſchieden iſt. Ein Kenner wird gleich fuͤhlen, daß es aus dem aͤchten Zeitalter der deutſchen Poeſie ſey, und ver- muthlich iſt es das einzige alte Lied das wir von einem weſtphaͤliſchen Minnedichter noch uͤbrig haben. Er verraͤth ſich durch gewiſſe Eigenheiten eben ſo wie Heinrich von Vel- dig, den man an dem Verſe La mich weſen dyn und bis du myn fuͤr einen Niederſachſen erkennet. Twi-

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Für das DTA wurde die „Neue verbesserte und verme… [mehr]

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/moeser_phantasien03_1778
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/moeser_phantasien03_1778/254
Zitationshilfe: Möser, Justus: Patriotische Phantasien. Bd. 3. 2. Aufl. Berlin, 1778, S. 240. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/moeser_phantasien03_1778/254>, abgerufen am 10.04.2021.