Moritz, Karl Philipp (Hrsg.): Gnothi sauton oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde. Bd. 4, St. 2. Berlin, 1786.
Jch habe nie einen lebhaftern und feurigern Mann als ihn gesehen. Er war fast immer guter Laune, immer mit Wenigem zufrieden, und besaß die seltene Gabe, auch andern Menschen Zufriedenheit einzuflößen, indem er sie auf die gefälligste Art aufzuheitern, und durch seinen äußerst angenehmen Umgang gleichsam mit der Welt auszusöhnen wußte. Sein Haus war daher immer der Wohnsitz der Freude, der Munterkeit und jugendlicher Scherze, und jeder Vernünftige sahe gern den Mann, der bei einem sehr mäßigen Auskommen mit seiner Familie so zufrieden lebte, und durch sein heiteres Wesen, wobei er nie die Grenzen der Anständigkeit aus den Augen setzte, die trüben Launen anderer so glücklich heilen konnte. Aber seine außerordentliche Lebhaftigkeit, verbunden mit der strengsten Wahrheitsliebe, die einen der edelsten Züge seines vortreflichen Charakters ausmachte, war auch bisweilen Schuld daran, daß leicht zu beleidigende Menschen seine erklärten Feinde wurden, worunter sich sonderlich einige fromme Herren des hallischen Waisenhauses auf die unedelste Art auszeichneten. -- Gemeiniglich loderte sein Feuer, wie bei allen lebhaften, aber zugleich gutmüthigen Seelen nur einige Augenblicke auf. Heftige Leute sind, wie die Erfahrung lehrt, gewöhnlich nur bei dem ersten Aufwallen ihres Bluts, in
Jch habe nie einen lebhaftern und feurigern Mann als ihn gesehen. Er war fast immer guter Laune, immer mit Wenigem zufrieden, und besaß die seltene Gabe, auch andern Menschen Zufriedenheit einzufloͤßen, indem er sie auf die gefaͤlligste Art aufzuheitern, und durch seinen aͤußerst angenehmen Umgang gleichsam mit der Welt auszusoͤhnen wußte. Sein Haus war daher immer der Wohnsitz der Freude, der Munterkeit und jugendlicher Scherze, und jeder Vernuͤnftige sahe gern den Mann, der bei einem sehr maͤßigen Auskommen mit seiner Familie so zufrieden lebte, und durch sein heiteres Wesen, wobei er nie die Grenzen der Anstaͤndigkeit aus den Augen setzte, die truͤben Launen anderer so gluͤcklich heilen konnte. Aber seine außerordentliche Lebhaftigkeit, verbunden mit der strengsten Wahrheitsliebe, die einen der edelsten Zuͤge seines vortreflichen Charakters ausmachte, war auch bisweilen Schuld daran, daß leicht zu beleidigende Menschen seine erklaͤrten Feinde wurden, worunter sich sonderlich einige fromme Herren des hallischen Waisenhauses auf die unedelste Art auszeichneten. — Gemeiniglich loderte sein Feuer, wie bei allen lebhaften, aber zugleich gutmuͤthigen Seelen nur einige Augenblicke auf. Heftige Leute sind, wie die Erfahrung lehrt, gewoͤhnlich nur bei dem ersten Aufwallen ihres Bluts, in <TEI> <text> <body> <div n="1"> <div n="2"> <div n="3"> <div n="4"> <p><pb facs="#f0097" n="97"/><lb/> lust, welchen sie vor einiger Zeit durch den Tod ihres alten treuen Lehrers erlitten hat. </p> <p>Jch habe nie einen lebhaftern und feurigern Mann als ihn gesehen. Er war fast immer guter Laune, immer mit Wenigem zufrieden, und besaß die seltene Gabe, auch andern Menschen Zufriedenheit einzufloͤßen, indem er sie auf die gefaͤlligste Art aufzuheitern, und durch seinen aͤußerst angenehmen Umgang gleichsam mit der Welt auszusoͤhnen wußte. Sein Haus war daher immer der Wohnsitz der Freude, der Munterkeit und jugendlicher Scherze, und jeder Vernuͤnftige sahe gern den Mann, der bei einem sehr maͤßigen Auskommen mit seiner Familie so zufrieden lebte, und durch sein heiteres Wesen, wobei er nie die Grenzen der Anstaͤndigkeit aus den Augen setzte, die truͤben Launen anderer so gluͤcklich heilen konnte. Aber seine außerordentliche Lebhaftigkeit, verbunden mit der strengsten Wahrheitsliebe, die einen der edelsten Zuͤge seines vortreflichen Charakters ausmachte, war auch bisweilen Schuld daran, daß leicht zu beleidigende Menschen seine erklaͤrten Feinde wurden, worunter sich sonderlich einige fromme Herren des hallischen Waisenhauses auf die unedelste Art auszeichneten. — Gemeiniglich loderte sein Feuer, wie bei allen lebhaften, aber zugleich gutmuͤthigen Seelen nur einige Augenblicke auf. Heftige Leute sind, wie die Erfahrung lehrt, gewoͤhnlich nur bei dem ersten Aufwallen ihres Bluts, in<lb/></p> </div> </div> </div> </div> </body> </text> </TEI> [97/0097]
lust, welchen sie vor einiger Zeit durch den Tod ihres alten treuen Lehrers erlitten hat.
Jch habe nie einen lebhaftern und feurigern Mann als ihn gesehen. Er war fast immer guter Laune, immer mit Wenigem zufrieden, und besaß die seltene Gabe, auch andern Menschen Zufriedenheit einzufloͤßen, indem er sie auf die gefaͤlligste Art aufzuheitern, und durch seinen aͤußerst angenehmen Umgang gleichsam mit der Welt auszusoͤhnen wußte. Sein Haus war daher immer der Wohnsitz der Freude, der Munterkeit und jugendlicher Scherze, und jeder Vernuͤnftige sahe gern den Mann, der bei einem sehr maͤßigen Auskommen mit seiner Familie so zufrieden lebte, und durch sein heiteres Wesen, wobei er nie die Grenzen der Anstaͤndigkeit aus den Augen setzte, die truͤben Launen anderer so gluͤcklich heilen konnte. Aber seine außerordentliche Lebhaftigkeit, verbunden mit der strengsten Wahrheitsliebe, die einen der edelsten Zuͤge seines vortreflichen Charakters ausmachte, war auch bisweilen Schuld daran, daß leicht zu beleidigende Menschen seine erklaͤrten Feinde wurden, worunter sich sonderlich einige fromme Herren des hallischen Waisenhauses auf die unedelste Art auszeichneten. — Gemeiniglich loderte sein Feuer, wie bei allen lebhaften, aber zugleich gutmuͤthigen Seelen nur einige Augenblicke auf. Heftige Leute sind, wie die Erfahrung lehrt, gewoͤhnlich nur bei dem ersten Aufwallen ihres Bluts, in
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| Zitationshilfe: | Moritz, Karl Philipp (Hrsg.): Gnothi sauton oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde. Bd. 4, St. 2. Berlin, 1786, S. 97. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/moritz_erfahrungsseelenkunde0402_1786/97>, abgerufen am 11.09.2024. |


