Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Jean Paul: Die unsichtbare Loge. Bd. 1. Berlin, 1793.

Bild:
<< vorherige Seite

Ost-Athem, behalte deine Hände mit dem prü¬
gelnden Stab Wehe und deine Zunge mit ihrem
Paar Donnerwettern und tausend Teufeln, mein
Falkenberg!

Ich blieb auch bei ihm im Winter; aber heuer
im Frühjahr zog ich an den Ort herab, wo ich
dieses schreibe -- in die obere Stube des Auentha¬
ler Schulmeister Sebastian Wuz. *) Ich hatte
vielleicht die drei vernünftigsten Gründe von der
Welt dazu; ich schwind' erstlich nirgends mehr ein
als in einem Vatikan voll öder Klüfte, in Sara
Wüsten von leeren Zimmern, ein Essaal mit sei¬
ner Meublen-Armuth ist für mich ein Pathmos
und bloß in kleinen Stübgen wird man größer:
der Mensch sollte von Jahr zu Jahr in immer klei¬
nere Zellen kriechen bis er in die kleinste schlüpfte,
d. h. ins engste Loch dieses gequetschten Silber¬

*) Den ganzen Lebenslauf seines Vaters, Maria Wuz
hab' ich dem Ende dieses Buchs beigegeben. Allein ob er
gleich eine Episode ist, die mit dem ganzen Werke durch
nichts zusammen zu hängen ist als durch die Heftnadel und
den Kleister des Buchbinders: so sollte mir doch die Welt
den Gefallen erweisen und ihn sogleich lesen, nach die¬
ser Note.

Oſt-Athem, behalte deine Haͤnde mit dem pruͤ¬
gelnden Stab Wehe und deine Zunge mit ihrem
Paar Donnerwettern und tauſend Teufeln, mein
Falkenberg!

Ich blieb auch bei ihm im Winter; aber heuer
im Fruͤhjahr zog ich an den Ort herab, wo ich
dieſes ſchreibe — in die obere Stube des Auentha¬
ler Schulmeiſter Sebaſtian Wuz. *) Ich hatte
vielleicht die drei vernuͤnftigſten Gruͤnde von der
Welt dazu; ich ſchwind' erſtlich nirgends mehr ein
als in einem Vatikan voll oͤder Kluͤfte, in Sara
Wuͤſten von leeren Zimmern, ein Esſaal mit ſei¬
ner Meublen-Armuth iſt fuͤr mich ein Pathmos
und bloß in kleinen Stuͤbgen wird man groͤßer:
der Menſch ſollte von Jahr zu Jahr in immer klei¬
nere Zellen kriechen bis er in die kleinſte ſchluͤpfte,
d. h. ins engſte Loch dieſes gequetſchten Silber¬

*) Den ganzen Lebenslauf ſeines Vaters, Maria Wuz
hab' ich dem Ende dieſes Buchs beigegeben. Allein ob er
gleich eine Epiſode iſt, die mit dem ganzen Werke durch
nichts zuſammen zu hängen iſt als durch die Heftnadel und
den Kleiſter des Buchbinders: ſo ſollte mir doch die Welt
den Gefallen erweiſen und ihn ſogleich leſen, nach die¬
ſer Note.
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0326" n="290"/>
O&#x017F;t-Athem, behalte deine Ha&#x0364;nde mit dem pru&#x0364;¬<lb/>
gelnden Stab Wehe und deine Zunge mit ihrem<lb/>
Paar Donnerwettern und tau&#x017F;end Teufeln, mein<lb/>
Falkenberg!</p><lb/>
          <p>Ich blieb auch bei ihm im Winter; aber heuer<lb/>
im Fru&#x0364;hjahr zog ich an den Ort herab, wo ich<lb/>
die&#x017F;es &#x017F;chreibe &#x2014; in die obere Stube des Auentha¬<lb/>
ler Schulmei&#x017F;ter Seba&#x017F;tian <hi rendition="#g">Wuz</hi>. <note place="foot" n="*)"><lb/>
Den ganzen Lebenslauf &#x017F;eines Vaters, Maria Wuz<lb/>
hab' ich dem Ende die&#x017F;es Buchs beigegeben. Allein ob er<lb/>
gleich eine Epi&#x017F;ode i&#x017F;t, die mit dem ganzen Werke durch<lb/>
nichts zu&#x017F;ammen zu hängen i&#x017F;t als durch die Heftnadel und<lb/>
den Klei&#x017F;ter des Buchbinders: &#x017F;o &#x017F;ollte mir doch die Welt<lb/>
den Gefallen erwei&#x017F;en und ihn <hi rendition="#g">&#x017F;ogleich</hi> le&#x017F;en, nach die¬<lb/>
&#x017F;er Note.</note> Ich hatte<lb/>
vielleicht die drei vernu&#x0364;nftig&#x017F;ten Gru&#x0364;nde von der<lb/>
Welt dazu; ich &#x017F;chwind' er&#x017F;tlich nirgends mehr ein<lb/>
als in einem Vatikan voll o&#x0364;der Klu&#x0364;fte, in Sara<lb/>
Wu&#x0364;&#x017F;ten von leeren Zimmern, ein Es&#x017F;aal mit &#x017F;ei¬<lb/>
ner Meublen-Armuth i&#x017F;t fu&#x0364;r mich ein Pathmos<lb/>
und bloß in kleinen Stu&#x0364;bgen wird man gro&#x0364;ßer:<lb/>
der Men&#x017F;ch &#x017F;ollte von Jahr zu Jahr in immer klei¬<lb/>
nere Zellen kriechen bis er in die klein&#x017F;te &#x017F;chlu&#x0364;pfte,<lb/>
d. h. ins eng&#x017F;te Loch die&#x017F;es gequet&#x017F;chten Silber¬<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[290/0326] Oſt-Athem, behalte deine Haͤnde mit dem pruͤ¬ gelnden Stab Wehe und deine Zunge mit ihrem Paar Donnerwettern und tauſend Teufeln, mein Falkenberg! Ich blieb auch bei ihm im Winter; aber heuer im Fruͤhjahr zog ich an den Ort herab, wo ich dieſes ſchreibe — in die obere Stube des Auentha¬ ler Schulmeiſter Sebaſtian Wuz. *) Ich hatte vielleicht die drei vernuͤnftigſten Gruͤnde von der Welt dazu; ich ſchwind' erſtlich nirgends mehr ein als in einem Vatikan voll oͤder Kluͤfte, in Sara Wuͤſten von leeren Zimmern, ein Esſaal mit ſei¬ ner Meublen-Armuth iſt fuͤr mich ein Pathmos und bloß in kleinen Stuͤbgen wird man groͤßer: der Menſch ſollte von Jahr zu Jahr in immer klei¬ nere Zellen kriechen bis er in die kleinſte ſchluͤpfte, d. h. ins engſte Loch dieſes gequetſchten Silber¬ *) Den ganzen Lebenslauf ſeines Vaters, Maria Wuz hab' ich dem Ende dieſes Buchs beigegeben. Allein ob er gleich eine Epiſode iſt, die mit dem ganzen Werke durch nichts zuſammen zu hängen iſt als durch die Heftnadel und den Kleiſter des Buchbinders: ſo ſollte mir doch die Welt den Gefallen erweiſen und ihn ſogleich leſen, nach die¬ ſer Note.

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde von OCR-Software automatisch erfasst und anschließend gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien von Muttersprachlern nachkontrolliert. Es wurde gemäß dem DTA-Basisformat in XML/TEI P5 kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/paul_loge01_1793
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/paul_loge01_1793/326
Zitationshilfe: Jean Paul: Die unsichtbare Loge. Bd. 1. Berlin, 1793, S. 290. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/paul_loge01_1793/326>, abgerufen am 04.08.2021.