Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

[Richardson, Samuel]: Clarissa. Bd. 5. Göttingen, 1750.

Bild:
<< vorherige Seite




Der siebende Brief
von
Herrn Lovelace an Hrn. Joh. Belford.

Nun ist meine Besserung gewiß: denn ich
werde niemals ein anderes Frauenzimmer
lieben! - O sie ist lauter Abwechselung! Sie
muß mir allezeit neu seyn - Einen so ausneh-
mend, so anständig liebreizenden Engel kann kei-
ne Einbildungskraft vorstellen, viel weniger ein
Pinsel schildern, noch die Seele der Mahlerey,
die Dichtkunst, beschreiben! - - Jedoch ich will
deine Ungeduld nicht zum voraus stillen. Ob die
Sache gleich für ungeheiligte Augen zu heilig ist:
so sollst du sie doch ganz vor dir sehen, wie sie zu-
gegangen ist; und das nicht von einem witzigen
Kopf, der seine Kunst zu beschreiben bey einem
so reichen Stoffe sehen lassen will, sondern mit ei-
nem Vorsatze deinen schwärmenden Gedanken ein
Ziel zu stecken. Sie weiter gehn zu lassen, als
ich gestehen werde, würde eine größere Bosheit
seyn, als sich ein Lovelace jemals schuldig ge-
macht hat.

So führe ich dich denn zur Sache: indem
ich mein letztes Schreiben mit dem gegenwärti-
gen verbinde.

Hast
E 3




Der ſiebende Brief
von
Herrn Lovelace an Hrn. Joh. Belford.

Nun iſt meine Beſſerung gewiß: denn ich
werde niemals ein anderes Frauenzimmer
lieben! ‒ O ſie iſt lauter Abwechſelung! Sie
muß mir allezeit neu ſeyn ‒ Einen ſo ausneh-
mend, ſo anſtaͤndig liebreizenden Engel kann kei-
ne Einbildungskraft vorſtellen, viel weniger ein
Pinſel ſchildern, noch die Seele der Mahlerey,
die Dichtkunſt, beſchreiben! ‒ ‒ Jedoch ich will
deine Ungeduld nicht zum voraus ſtillen. Ob die
Sache gleich fuͤr ungeheiligte Augen zu heilig iſt:
ſo ſollſt du ſie doch ganz vor dir ſehen, wie ſie zu-
gegangen iſt; und das nicht von einem witzigen
Kopf, der ſeine Kunſt zu beſchreiben bey einem
ſo reichen Stoffe ſehen laſſen will, ſondern mit ei-
nem Vorſatze deinen ſchwaͤrmenden Gedanken ein
Ziel zu ſtecken. Sie weiter gehn zu laſſen, als
ich geſtehen werde, wuͤrde eine groͤßere Bosheit
ſeyn, als ſich ein Lovelace jemals ſchuldig ge-
macht hat.

So fuͤhre ich dich denn zur Sache: indem
ich mein letztes Schreiben mit dem gegenwaͤrti-
gen verbinde.

Haſt
E 3
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <pb facs="#f0075" n="69"/>
        <milestone rendition="#hr" unit="section"/><lb/>
        <milestone rendition="#hr" unit="section"/><lb/>
        <div n="2">
          <head><hi rendition="#fr">Der &#x017F;iebende Brief</hi><lb/>
von<lb/><hi rendition="#fr">Herrn Lovelace an Hrn. Joh. Belford.</hi></head><lb/>
          <dateline> <hi rendition="#et">Donner&#x017F;tags, Morgens um fu&#x0364;nfe<lb/>
(den 8ten Jun.)</hi> </dateline><lb/>
          <p><hi rendition="#in">N</hi>un i&#x017F;t meine Be&#x017F;&#x017F;erung gewiß: denn ich<lb/>
werde niemals ein anderes Frauenzimmer<lb/>
lieben! &#x2012; O &#x017F;ie i&#x017F;t lauter Abwech&#x017F;elung! Sie<lb/>
muß mir allezeit neu &#x017F;eyn &#x2012; Einen &#x017F;o ausneh-<lb/>
mend, &#x017F;o an&#x017F;ta&#x0364;ndig liebreizenden Engel kann kei-<lb/>
ne Einbildungskraft vor&#x017F;tellen, viel weniger ein<lb/>
Pin&#x017F;el &#x017F;childern, noch die Seele der Mahlerey,<lb/>
die Dichtkun&#x017F;t, be&#x017F;chreiben! &#x2012; &#x2012; Jedoch ich will<lb/>
deine Ungeduld nicht zum voraus &#x017F;tillen. Ob die<lb/>
Sache gleich fu&#x0364;r ungeheiligte Augen zu heilig i&#x017F;t:<lb/>
&#x017F;o &#x017F;oll&#x017F;t du &#x017F;ie doch ganz vor dir &#x017F;ehen, wie &#x017F;ie zu-<lb/>
gegangen i&#x017F;t; und das nicht von einem witzigen<lb/>
Kopf, der &#x017F;eine Kun&#x017F;t zu be&#x017F;chreiben bey einem<lb/>
&#x017F;o reichen Stoffe &#x017F;ehen la&#x017F;&#x017F;en will, &#x017F;ondern mit ei-<lb/>
nem Vor&#x017F;atze deinen &#x017F;chwa&#x0364;rmenden Gedanken ein<lb/>
Ziel zu &#x017F;tecken. Sie weiter gehn zu la&#x017F;&#x017F;en, als<lb/>
ich ge&#x017F;tehen werde, wu&#x0364;rde eine gro&#x0364;ßere Bosheit<lb/>
&#x017F;eyn, als &#x017F;ich ein Lovelace jemals &#x017F;chuldig ge-<lb/>
macht hat.</p><lb/>
          <p>So fu&#x0364;hre ich dich denn zur Sache: indem<lb/>
ich mein letztes Schreiben mit dem gegenwa&#x0364;rti-<lb/>
gen verbinde.</p><lb/>
          <fw place="bottom" type="sig">E 3</fw>
          <fw place="bottom" type="catch">Ha&#x017F;t</fw><lb/>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[69/0075] Der ſiebende Brief von Herrn Lovelace an Hrn. Joh. Belford. Donnerſtags, Morgens um fuͤnfe (den 8ten Jun.) Nun iſt meine Beſſerung gewiß: denn ich werde niemals ein anderes Frauenzimmer lieben! ‒ O ſie iſt lauter Abwechſelung! Sie muß mir allezeit neu ſeyn ‒ Einen ſo ausneh- mend, ſo anſtaͤndig liebreizenden Engel kann kei- ne Einbildungskraft vorſtellen, viel weniger ein Pinſel ſchildern, noch die Seele der Mahlerey, die Dichtkunſt, beſchreiben! ‒ ‒ Jedoch ich will deine Ungeduld nicht zum voraus ſtillen. Ob die Sache gleich fuͤr ungeheiligte Augen zu heilig iſt: ſo ſollſt du ſie doch ganz vor dir ſehen, wie ſie zu- gegangen iſt; und das nicht von einem witzigen Kopf, der ſeine Kunſt zu beſchreiben bey einem ſo reichen Stoffe ſehen laſſen will, ſondern mit ei- nem Vorſatze deinen ſchwaͤrmenden Gedanken ein Ziel zu ſtecken. Sie weiter gehn zu laſſen, als ich geſtehen werde, wuͤrde eine groͤßere Bosheit ſeyn, als ſich ein Lovelace jemals ſchuldig ge- macht hat. So fuͤhre ich dich denn zur Sache: indem ich mein letztes Schreiben mit dem gegenwaͤrti- gen verbinde. Haſt E 3

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/richardson_clarissa05_1750
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/richardson_clarissa05_1750/75
Zitationshilfe: [Richardson, Samuel]: Clarissa. Bd. 5. Göttingen, 1750, S. 69. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/richardson_clarissa05_1750/75>, abgerufen am 25.07.2024.