Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

[Richardson, Samuel]: Clarissa. Bd. 7. Göttingen, 1751.

Bild:
<< vorherige Seite



die Naturen zu ändern, verleiten lassen, wo sie die
beste
Absicht haben! - - Eine um so viel thö-
richtere Hoffnung, da uns die Erfahrung überzeu-
gen kann, daß so gar bey ziemlich glücklichen Ehen
kaum einer unter zehen ist, in welcher die Frau
eben diejenige Zuneigung bey dem Manne behält,
die sie bey dem Freyer und Liobhaber hatte.
Was kann sie denn für einen Einfluß über die
sittlichen Grundsätze eines Menschen haben, der
sich öffentlich zu der freyen Lebensart bekennet, der
vielleicht nur einiger Gemächlichkeit halber hey-
rathet, der dieß Band für etwas verächtliches
ansiehet, und der, nur allzu wahrscheinlicher Weise,
durch nichts, als Alter, oder Krankheit, oder
Schwachheit, die Folge von verderblicher Ueppig-
keit, auf bessere Wege zu bringen ist.

Es ist mir sehr lieb, daß Sie meinem
Vett - - -


Bis hierher hatte ich geschrieben: als ich ge-
nöthigt ward, meine Feder niederzulegen.
Jch ward so viel schwächer und schlechter, daß, wenn
ich sie wiedergenommen hätte, hier zu beschließen,
es mit einer so bebenden Wankelhaftigkeit hätte
geschehen müssen, daß es Jhnen mehr Sorge mei-
netwegen gemacht haben würde, als der Aufschub,
da ich meinen Brief nicht mit der gestrigen Post
des Abends abgesendet, thun kann. Deswegen ha-
be ich es verschoben, um zu sehen, wie es Gott

gefal-



die Naturen zu aͤndern, verleiten laſſen, wo ſie die
beſte
Abſicht haben! ‒ ‒ Eine um ſo viel thoͤ-
richtere Hoffnung, da uns die Erfahrung uͤberzeu-
gen kann, daß ſo gar bey ziemlich gluͤcklichen Ehen
kaum einer unter zehen iſt, in welcher die Frau
eben diejenige Zuneigung bey dem Manne behaͤlt,
die ſie bey dem Freyer und Liobhaber hatte.
Was kann ſie denn fuͤr einen Einfluß uͤber die
ſittlichen Grundſaͤtze eines Menſchen haben, der
ſich oͤffentlich zu der freyen Lebensart bekennet, der
vielleicht nur einiger Gemaͤchlichkeit halber hey-
rathet, der dieß Band fuͤr etwas veraͤchtliches
anſiehet, und der, nur allzu wahrſcheinlicher Weiſe,
durch nichts, als Alter, oder Krankheit, oder
Schwachheit, die Folge von verderblicher Ueppig-
keit, auf beſſere Wege zu bringen iſt.

Es iſt mir ſehr lieb, daß Sie meinem
Vett ‒ ‒ ‒


Bis hierher hatte ich geſchrieben: als ich ge-
noͤthigt ward, meine Feder niederzulegen.
Jch ward ſo viel ſchwaͤcher und ſchlechter, daß, wenn
ich ſie wiedergenommen haͤtte, hier zu beſchließen,
es mit einer ſo bebenden Wankelhaftigkeit haͤtte
geſchehen muͤſſen, daß es Jhnen mehr Sorge mei-
netwegen gemacht haben wuͤrde, als der Aufſchub,
da ich meinen Brief nicht mit der geſtrigen Poſt
des Abends abgeſendet, thun kann. Deswegen ha-
be ich es verſchoben, um zu ſehen, wie es Gott

gefal-
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <p><pb facs="#f0325" n="319"/><milestone rendition="#hr" unit="section"/><lb/>
die Naturen zu a&#x0364;ndern, verleiten la&#x017F;&#x017F;en, wo &#x017F;ie <hi rendition="#fr">die<lb/>
be&#x017F;te</hi> Ab&#x017F;icht haben! &#x2012; &#x2012; Eine um <hi rendition="#fr">&#x017F;o viel</hi> tho&#x0364;-<lb/>
richtere Hoffnung, da uns die Erfahrung u&#x0364;berzeu-<lb/>
gen kann, daß &#x017F;o gar bey ziemlich glu&#x0364;cklichen Ehen<lb/>
kaum einer unter zehen i&#x017F;t, in welcher die Frau<lb/>
eben diejenige Zuneigung bey dem <hi rendition="#fr">Manne</hi> beha&#x0364;lt,<lb/>
die &#x017F;ie bey dem <hi rendition="#fr">Freyer und Liobhaber</hi> hatte.<lb/>
Was kann &#x017F;ie denn fu&#x0364;r einen Einfluß u&#x0364;ber die<lb/>
&#x017F;ittlichen Grund&#x017F;a&#x0364;tze eines Men&#x017F;chen haben, der<lb/>
&#x017F;ich o&#x0364;ffentlich zu der freyen Lebensart bekennet, der<lb/>
vielleicht nur einiger Gema&#x0364;chlichkeit halber hey-<lb/>
rathet, der dieß Band fu&#x0364;r etwas vera&#x0364;chtliches<lb/>
an&#x017F;iehet, und der, nur allzu wahr&#x017F;cheinlicher Wei&#x017F;e,<lb/>
durch nichts, als Alter, oder Krankheit, oder<lb/>
Schwachheit, die Folge von verderblicher Ueppig-<lb/>
keit, auf be&#x017F;&#x017F;ere Wege zu bringen i&#x017F;t.</p><lb/>
            <p>Es i&#x017F;t mir &#x017F;ehr lieb, daß Sie meinem<lb/>
Vett &#x2012; &#x2012; &#x2012;</p>
          </div><lb/>
          <div n="3">
            <dateline> <hi rendition="#et">Sonntags, den 3ten Sept. fru&#x0364;he<lb/>
um &#x017F;ech&#x017F;e.</hi> </dateline><lb/>
            <p><hi rendition="#in">B</hi>is hierher hatte ich ge&#x017F;chrieben: als ich ge-<lb/>
no&#x0364;thigt ward, meine Feder niederzulegen.<lb/>
Jch ward &#x017F;o viel &#x017F;chwa&#x0364;cher und &#x017F;chlechter, daß, wenn<lb/>
ich &#x017F;ie wiedergenommen ha&#x0364;tte, hier zu be&#x017F;chließen,<lb/>
es mit einer &#x017F;o bebenden Wankelhaftigkeit ha&#x0364;tte<lb/>
ge&#x017F;chehen mu&#x0364;&#x017F;&#x017F;en, daß es Jhnen mehr Sorge mei-<lb/>
netwegen gemacht haben wu&#x0364;rde, als der Auf&#x017F;chub,<lb/>
da ich meinen Brief nicht mit der ge&#x017F;trigen Po&#x017F;t<lb/>
des Abends abge&#x017F;endet, thun kann. Deswegen ha-<lb/>
be ich es ver&#x017F;choben, um zu &#x017F;ehen, wie es Gott<lb/>
<fw place="bottom" type="catch">gefal-</fw><lb/></p>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[319/0325] die Naturen zu aͤndern, verleiten laſſen, wo ſie die beſte Abſicht haben! ‒ ‒ Eine um ſo viel thoͤ- richtere Hoffnung, da uns die Erfahrung uͤberzeu- gen kann, daß ſo gar bey ziemlich gluͤcklichen Ehen kaum einer unter zehen iſt, in welcher die Frau eben diejenige Zuneigung bey dem Manne behaͤlt, die ſie bey dem Freyer und Liobhaber hatte. Was kann ſie denn fuͤr einen Einfluß uͤber die ſittlichen Grundſaͤtze eines Menſchen haben, der ſich oͤffentlich zu der freyen Lebensart bekennet, der vielleicht nur einiger Gemaͤchlichkeit halber hey- rathet, der dieß Band fuͤr etwas veraͤchtliches anſiehet, und der, nur allzu wahrſcheinlicher Weiſe, durch nichts, als Alter, oder Krankheit, oder Schwachheit, die Folge von verderblicher Ueppig- keit, auf beſſere Wege zu bringen iſt. Es iſt mir ſehr lieb, daß Sie meinem Vett ‒ ‒ ‒ Sonntags, den 3ten Sept. fruͤhe um ſechſe. Bis hierher hatte ich geſchrieben: als ich ge- noͤthigt ward, meine Feder niederzulegen. Jch ward ſo viel ſchwaͤcher und ſchlechter, daß, wenn ich ſie wiedergenommen haͤtte, hier zu beſchließen, es mit einer ſo bebenden Wankelhaftigkeit haͤtte geſchehen muͤſſen, daß es Jhnen mehr Sorge mei- netwegen gemacht haben wuͤrde, als der Aufſchub, da ich meinen Brief nicht mit der geſtrigen Poſt des Abends abgeſendet, thun kann. Deswegen ha- be ich es verſchoben, um zu ſehen, wie es Gott gefal-

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/richardson_clarissa07_1751
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/richardson_clarissa07_1751/325
Zitationshilfe: [Richardson, Samuel]: Clarissa. Bd. 7. Göttingen, 1751, S. 319. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/richardson_clarissa07_1751/325>, abgerufen am 24.02.2024.