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Tieck, Ludwig: William Lovell. Bd. 1. Berlin u. a., 1795.

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12.
Mortimer an seinen Freund Karl
Wilmont.


Wenn ich gerade aufgelegt wäre, über die
wunderbaren Wege der Vorsehung Betrachtun-
gen anzustellen, so hätt' ich heut dazu die schön-
ste Gelegenheit. Denn wahrlich, nichts ist so
seltsam, keine Linie läuft in den wunderbarsten
Verschränkungen so schief und krumm, um in
sich selbst zurückzukehren, -- als es so oft die
Begebenheiten und Vorfälle in dieser Welt
thun. -- Den Schilling, den ich heut meinem
Bedienten gebe, erhalt' ich morgen vielleicht
vom Lord Parton zurück um ihn einem Bettler
zu schenken. Wie weit könnte man diese Idee
bis ganz jenseit der Ideenwelt verfolgen! --
Du bist begierig, welch Resultat endlich aus
diesem Wirrwarr folgen soll; nun so höre denn
und erstaune. -- (Erstaunst Du nicht, so ge-
steh' ich, daß Du selbst ein erstaunenswürdiges
Wesen bist.)

Wer hätte Dir wohl damahls in's Ohr ge-

12.
Mortimer an ſeinen Freund Karl
Wilmont.


Wenn ich gerade aufgelegt waͤre, uͤber die
wunderbaren Wege der Vorſehung Betrachtun-
gen anzuſtellen, ſo haͤtt’ ich heut dazu die ſchoͤn-
ſte Gelegenheit. Denn wahrlich, nichts iſt ſo
ſeltſam, keine Linie laͤuft in den wunderbarſten
Verſchraͤnkungen ſo ſchief und krumm, um in
ſich ſelbſt zuruͤckzukehren, — als es ſo oft die
Begebenheiten und Vorfaͤlle in dieſer Welt
thun. — Den Schilling, den ich heut meinem
Bedienten gebe, erhalt’ ich morgen vielleicht
vom Lord Parton zuruͤck um ihn einem Bettler
zu ſchenken. Wie weit koͤnnte man dieſe Idee
bis ganz jenſeit der Ideenwelt verfolgen! —
Du biſt begierig, welch Reſultat endlich aus
dieſem Wirrwarr folgen ſoll; nun ſo hoͤre denn
und erſtaune. — (Erſtaunſt Du nicht, ſo ge-
ſteh’ ich, daß Du ſelbſt ein erſtaunenswuͤrdiges
Weſen biſt.)

Wer haͤtte Dir wohl damahls in’s Ohr ge-

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[61[59]/0069] 12. Mortimer an ſeinen Freund Karl Wilmont. London am 4ten Junii. Wenn ich gerade aufgelegt waͤre, uͤber die wunderbaren Wege der Vorſehung Betrachtun- gen anzuſtellen, ſo haͤtt’ ich heut dazu die ſchoͤn- ſte Gelegenheit. Denn wahrlich, nichts iſt ſo ſeltſam, keine Linie laͤuft in den wunderbarſten Verſchraͤnkungen ſo ſchief und krumm, um in ſich ſelbſt zuruͤckzukehren, — als es ſo oft die Begebenheiten und Vorfaͤlle in dieſer Welt thun. — Den Schilling, den ich heut meinem Bedienten gebe, erhalt’ ich morgen vielleicht vom Lord Parton zuruͤck um ihn einem Bettler zu ſchenken. Wie weit koͤnnte man dieſe Idee bis ganz jenſeit der Ideenwelt verfolgen! — Du biſt begierig, welch Reſultat endlich aus dieſem Wirrwarr folgen ſoll; nun ſo hoͤre denn und erſtaune. — (Erſtaunſt Du nicht, ſo ge- ſteh’ ich, daß Du ſelbſt ein erſtaunenswuͤrdiges Weſen biſt.) Wer haͤtte Dir wohl damahls in’s Ohr ge-

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Zitationshilfe: Tieck, Ludwig: William Lovell. Bd. 1. Berlin u. a., 1795, S. 61[59]. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/tieck_lovell01_1795/69>, abgerufen am 14.04.2021.