Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Vischer, Friedrich Theodor von: Ästhetik oder Wissenschaft des Schönen. Bd. 3,2,4. Stuttgart, 1857.

Bild:
<< vorherige Seite
§. 747.

Das Subject, welches allen Gegenstand aufgehoben in sich trägt, kann in
der Kunst nur das fühlende sein. Vermöge innerer Nothwendigkeit besteht
daher im Leben der Phantasie eine besondere Form, worin dieselbe mit ihrem
ganzen Wesen sich auf den Standpunct des Moments der Empfindung stellt und
blos innerhalb derselben bildet (vergl. §. 404). Die Auffassung der empfindenden
Phantasie ist schlechthin eigenthümlich, durch keine andere zu ersetzen und eben-
dadurch berufen, eine selbständige Kunstform zu begründen.

Zuerst ein Wort zum Schutze des Wechsels zwischen den Ausdrücken:
Gefühl und Empfindung. Die psychologische Terminologie ist gewohnt,
Empfindung vom sinnlichen, Gefühl vom geistigen Innewerden zu gebrauchen.
Allein die Sprache bezeichnet unbestritten auch rein sinnliche Erregungen der
Lust und Unlust als Gefühle, und umgekehrt wendet sie mit solcher Bestimmt-
heit das Wort Empfindung im intensiven, geistigen Sinn an, daß wir uns
schon in §. 404. jener Schulvorschrift nicht bequemen konnten. Ist eine
Unterscheidung im Sprachgebrauche wahrzunehmen, so scheint sie uns darin
zu bestehen, daß man mit dem Ausdruck Empfinden gewöhnlich den An-
eignungs-Act eines Objects bezeichnet, Gefühl aber absolut von dem ganzen
Verhalten der Seele zu gebrauchen vorzieht; man sagt lieber: dieß im Ge-
mälde, Gedicht u. s. w. ist empfunden, als: gefühlt. Da nun die Unter-
schiede der Phantasie in §. 404. darauf begründet sind, daß diese sich mit
ihrem ganzen Wesen in den Standpunct des einen oder andern der Acte
legt, welche die Momente ihrer Thätigkeit bilden, so wurde schon dort gesetzt:
empfindende Phantasie, weil diese darin besteht, daß die ästhetische Schöpfer-
kraft sich auf jene Seite der Anschauung, welche im Acte des innigen An-
eignens besteht, und auf jenen Anfang der bildenden Erzeugung wirft, welche
den Stoff erst in das unbestimmte Weben begeisterter Stimmung taucht. --
Von blos sinnlichem Gefühle kann in der Aesthetik natürlich nicht die Rede
sein. Eigentlich gibt es gar kein solches, denn was auf die Sinne so oder
anders, ihre organische Stimmung fördernd oder störend einwirkt, muß erst
von der Seele ergriffen, ihrem Innewerden angeeignet sein, ehe es ein
bestimmtes Gefühl, Lust oder Unlust, bewirkt. Eine Seelenstimmung nun,
die nur auf einem so apperzipirten bloßen Sinnen-Eindruck beruht, ist aller-
dings ein blos sinnliches Gefühl zu nennen in Vergleichung mit andern.
Die Kunst aber hat mit diesem Gebiete nichts zu schaffen. Das ganze System
des Sinnenlebens tritt jedoch in der Einbildungskraft als ein innerlich ge-
setztes noch einmal auf und so gibt es eine Welt von Stimmungen, welche
eine verinnerlichte Reminiscenz der sinnlichen Gefühle darstellen. Auf diese

§. 747.

Das Subject, welches allen Gegenſtand aufgehoben in ſich trägt, kann in
der Kunſt nur das fühlende ſein. Vermöge innerer Nothwendigkeit beſteht
daher im Leben der Phantaſie eine beſondere Form, worin dieſelbe mit ihrem
ganzen Weſen ſich auf den Standpunct des Moments der Empfindung ſtellt und
blos innerhalb derſelben bildet (vergl. §. 404). Die Auffaſſung der empfindenden
Phantaſie iſt ſchlechthin eigenthümlich, durch keine andere zu erſetzen und eben-
dadurch berufen, eine ſelbſtändige Kunſtform zu begründen.

Zuerſt ein Wort zum Schutze des Wechſels zwiſchen den Ausdrücken:
Gefühl und Empfindung. Die pſychologiſche Terminologie iſt gewohnt,
Empfindung vom ſinnlichen, Gefühl vom geiſtigen Innewerden zu gebrauchen.
Allein die Sprache bezeichnet unbeſtritten auch rein ſinnliche Erregungen der
Luſt und Unluſt als Gefühle, und umgekehrt wendet ſie mit ſolcher Beſtimmt-
heit das Wort Empfindung im intenſiven, geiſtigen Sinn an, daß wir uns
ſchon in §. 404. jener Schulvorſchrift nicht bequemen konnten. Iſt eine
Unterſcheidung im Sprachgebrauche wahrzunehmen, ſo ſcheint ſie uns darin
zu beſtehen, daß man mit dem Ausdruck Empfinden gewöhnlich den An-
eignungs-Act eines Objects bezeichnet, Gefühl aber abſolut von dem ganzen
Verhalten der Seele zu gebrauchen vorzieht; man ſagt lieber: dieß im Ge-
mälde, Gedicht u. ſ. w. iſt empfunden, als: gefühlt. Da nun die Unter-
ſchiede der Phantaſie in §. 404. darauf begründet ſind, daß dieſe ſich mit
ihrem ganzen Weſen in den Standpunct des einen oder andern der Acte
legt, welche die Momente ihrer Thätigkeit bilden, ſo wurde ſchon dort geſetzt:
empfindende Phantaſie, weil dieſe darin beſteht, daß die äſthetiſche Schöpfer-
kraft ſich auf jene Seite der Anſchauung, welche im Acte des innigen An-
eignens beſteht, und auf jenen Anfang der bildenden Erzeugung wirft, welche
den Stoff erſt in das unbeſtimmte Weben begeiſterter Stimmung taucht. —
Von blos ſinnlichem Gefühle kann in der Aeſthetik natürlich nicht die Rede
ſein. Eigentlich gibt es gar kein ſolches, denn was auf die Sinne ſo oder
anders, ihre organiſche Stimmung fördernd oder ſtörend einwirkt, muß erſt
von der Seele ergriffen, ihrem Innewerden angeeignet ſein, ehe es ein
beſtimmtes Gefühl, Luſt oder Unluſt, bewirkt. Eine Seelenſtimmung nun,
die nur auf einem ſo apperzipirten bloßen Sinnen-Eindruck beruht, iſt aller-
dings ein blos ſinnliches Gefühl zu nennen in Vergleichung mit andern.
Die Kunſt aber hat mit dieſem Gebiete nichts zu ſchaffen. Das ganze Syſtem
des Sinnenlebens tritt jedoch in der Einbildungskraft als ein innerlich ge-
ſetztes noch einmal auf und ſo gibt es eine Welt von Stimmungen, welche
eine verinnerlichte Reminiſcenz der ſinnlichen Gefühle darſtellen. Auf dieſe

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <pb facs="#f0016" n="778"/>
            <div n="4">
              <head>§. 747.</head><lb/>
              <p> <hi rendition="#fr">Das Subject, welches allen Gegen&#x017F;tand aufgehoben in &#x017F;ich trägt, kann in<lb/>
der Kun&#x017F;t nur das <hi rendition="#g">fühlende</hi> &#x017F;ein. Vermöge innerer Nothwendigkeit be&#x017F;teht<lb/>
daher im Leben der Phanta&#x017F;ie eine be&#x017F;ondere Form, worin die&#x017F;elbe mit ihrem<lb/>
ganzen We&#x017F;en &#x017F;ich auf den Standpunct des Moments der Empfindung &#x017F;tellt und<lb/>
blos innerhalb der&#x017F;elben bildet (vergl. §. 404). Die Auffa&#x017F;&#x017F;ung der empfindenden<lb/>
Phanta&#x017F;ie i&#x017F;t &#x017F;chlechthin eigenthümlich, durch keine andere zu er&#x017F;etzen und eben-<lb/>
dadurch berufen, eine &#x017F;elb&#x017F;tändige Kun&#x017F;tform zu begründen.</hi> </p><lb/>
              <p> <hi rendition="#et">Zuer&#x017F;t ein Wort zum Schutze des Wech&#x017F;els zwi&#x017F;chen den Ausdrücken:<lb/>
Gefühl und Empfindung. Die p&#x017F;ychologi&#x017F;che Terminologie i&#x017F;t gewohnt,<lb/>
Empfindung vom &#x017F;innlichen, Gefühl vom gei&#x017F;tigen Innewerden zu gebrauchen.<lb/>
Allein die Sprache bezeichnet unbe&#x017F;tritten auch rein &#x017F;innliche Erregungen der<lb/>
Lu&#x017F;t und Unlu&#x017F;t als Gefühle, und umgekehrt wendet &#x017F;ie mit &#x017F;olcher Be&#x017F;timmt-<lb/>
heit das Wort Empfindung im inten&#x017F;iven, gei&#x017F;tigen Sinn an, daß wir uns<lb/>
&#x017F;chon in §. 404. jener Schulvor&#x017F;chrift nicht bequemen konnten. I&#x017F;t eine<lb/>
Unter&#x017F;cheidung im Sprachgebrauche wahrzunehmen, &#x017F;o &#x017F;cheint &#x017F;ie uns darin<lb/>
zu be&#x017F;tehen, daß man mit dem Ausdruck Empfinden gewöhnlich den An-<lb/>
eignungs-Act eines Objects bezeichnet, Gefühl aber ab&#x017F;olut von dem ganzen<lb/>
Verhalten der Seele zu gebrauchen vorzieht; man &#x017F;agt lieber: dieß im Ge-<lb/>
mälde, Gedicht u. &#x017F;. w. i&#x017F;t empfunden, als: gefühlt. Da nun die Unter-<lb/>
&#x017F;chiede der Phanta&#x017F;ie in §. 404. darauf begründet &#x017F;ind, daß die&#x017F;e &#x017F;ich mit<lb/>
ihrem ganzen We&#x017F;en in den Standpunct des einen oder andern der Acte<lb/>
legt, welche die Momente ihrer Thätigkeit bilden, &#x017F;o wurde &#x017F;chon dort ge&#x017F;etzt:<lb/>
empfindende Phanta&#x017F;ie, weil die&#x017F;e darin be&#x017F;teht, daß die ä&#x017F;theti&#x017F;che Schöpfer-<lb/>
kraft &#x017F;ich auf jene Seite der An&#x017F;chauung, welche im Acte des innigen An-<lb/>
eignens be&#x017F;teht, und auf jenen Anfang der bildenden Erzeugung wirft, welche<lb/>
den Stoff er&#x017F;t in das unbe&#x017F;timmte Weben begei&#x017F;terter Stimmung taucht. &#x2014;<lb/>
Von blos &#x017F;innlichem Gefühle kann in der Ae&#x017F;thetik natürlich nicht die Rede<lb/>
&#x017F;ein. Eigentlich gibt es gar kein &#x017F;olches, denn was auf die Sinne &#x017F;o oder<lb/>
anders, ihre organi&#x017F;che Stimmung fördernd oder &#x017F;törend einwirkt, muß er&#x017F;t<lb/>
von der Seele ergriffen, ihrem Innewerden angeeignet &#x017F;ein, ehe es ein<lb/>
be&#x017F;timmtes Gefühl, Lu&#x017F;t oder Unlu&#x017F;t, bewirkt. Eine Seelen&#x017F;timmung nun,<lb/>
die nur auf einem &#x017F;o apperzipirten bloßen Sinnen-Eindruck beruht, i&#x017F;t aller-<lb/>
dings ein blos &#x017F;innliches Gefühl zu nennen in Vergleichung mit andern.<lb/>
Die Kun&#x017F;t aber hat mit die&#x017F;em Gebiete nichts zu &#x017F;chaffen. Das ganze Sy&#x017F;tem<lb/>
des Sinnenlebens tritt jedoch in der Einbildungskraft als ein innerlich ge-<lb/>
&#x017F;etztes noch einmal auf und &#x017F;o gibt es eine Welt von Stimmungen, welche<lb/>
eine verinnerlichte Remini&#x017F;cenz der &#x017F;innlichen Gefühle dar&#x017F;tellen. Auf die&#x017F;e<lb/></hi> </p>
            </div>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[778/0016] §. 747. Das Subject, welches allen Gegenſtand aufgehoben in ſich trägt, kann in der Kunſt nur das fühlende ſein. Vermöge innerer Nothwendigkeit beſteht daher im Leben der Phantaſie eine beſondere Form, worin dieſelbe mit ihrem ganzen Weſen ſich auf den Standpunct des Moments der Empfindung ſtellt und blos innerhalb derſelben bildet (vergl. §. 404). Die Auffaſſung der empfindenden Phantaſie iſt ſchlechthin eigenthümlich, durch keine andere zu erſetzen und eben- dadurch berufen, eine ſelbſtändige Kunſtform zu begründen. Zuerſt ein Wort zum Schutze des Wechſels zwiſchen den Ausdrücken: Gefühl und Empfindung. Die pſychologiſche Terminologie iſt gewohnt, Empfindung vom ſinnlichen, Gefühl vom geiſtigen Innewerden zu gebrauchen. Allein die Sprache bezeichnet unbeſtritten auch rein ſinnliche Erregungen der Luſt und Unluſt als Gefühle, und umgekehrt wendet ſie mit ſolcher Beſtimmt- heit das Wort Empfindung im intenſiven, geiſtigen Sinn an, daß wir uns ſchon in §. 404. jener Schulvorſchrift nicht bequemen konnten. Iſt eine Unterſcheidung im Sprachgebrauche wahrzunehmen, ſo ſcheint ſie uns darin zu beſtehen, daß man mit dem Ausdruck Empfinden gewöhnlich den An- eignungs-Act eines Objects bezeichnet, Gefühl aber abſolut von dem ganzen Verhalten der Seele zu gebrauchen vorzieht; man ſagt lieber: dieß im Ge- mälde, Gedicht u. ſ. w. iſt empfunden, als: gefühlt. Da nun die Unter- ſchiede der Phantaſie in §. 404. darauf begründet ſind, daß dieſe ſich mit ihrem ganzen Weſen in den Standpunct des einen oder andern der Acte legt, welche die Momente ihrer Thätigkeit bilden, ſo wurde ſchon dort geſetzt: empfindende Phantaſie, weil dieſe darin beſteht, daß die äſthetiſche Schöpfer- kraft ſich auf jene Seite der Anſchauung, welche im Acte des innigen An- eignens beſteht, und auf jenen Anfang der bildenden Erzeugung wirft, welche den Stoff erſt in das unbeſtimmte Weben begeiſterter Stimmung taucht. — Von blos ſinnlichem Gefühle kann in der Aeſthetik natürlich nicht die Rede ſein. Eigentlich gibt es gar kein ſolches, denn was auf die Sinne ſo oder anders, ihre organiſche Stimmung fördernd oder ſtörend einwirkt, muß erſt von der Seele ergriffen, ihrem Innewerden angeeignet ſein, ehe es ein beſtimmtes Gefühl, Luſt oder Unluſt, bewirkt. Eine Seelenſtimmung nun, die nur auf einem ſo apperzipirten bloßen Sinnen-Eindruck beruht, iſt aller- dings ein blos ſinnliches Gefühl zu nennen in Vergleichung mit andern. Die Kunſt aber hat mit dieſem Gebiete nichts zu ſchaffen. Das ganze Syſtem des Sinnenlebens tritt jedoch in der Einbildungskraft als ein innerlich ge- ſetztes noch einmal auf und ſo gibt es eine Welt von Stimmungen, welche eine verinnerlichte Reminiſcenz der ſinnlichen Gefühle darſtellen. Auf dieſe

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/vischer_aesthetik030204_1857
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/vischer_aesthetik030204_1857/16
Zitationshilfe: Vischer, Friedrich Theodor von: Ästhetik oder Wissenschaft des Schönen. Bd. 3,2,4. Stuttgart, 1857, S. 778. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/vischer_aesthetik030204_1857/16>, abgerufen am 28.02.2021.